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ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI
Professor do Mestrado em Educação
nas Ciências da UNIJUÍ - RS e da Universidade Johannes Kepler de
Linz (Áustria). Doutor em Ciências Econômicas e Sociais pela
Universidade de Osnabrück (Alemanha)

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Der
Mythos der wertfreien Gentechnik
Antônio Inácio Andrioli
Der Begriff der
technischen Vernunft ist vielleicht selbst Ideologie. Nicht erst
ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft (über
die Natur und über den Menschen), methodische,
wissenschaftliche, berechnete und berechnende Herrschaft.
(Herbert Marcuse)
Das
Anbauverbot der Maisorte MON 810 hat eine sehr kontroverse
Diskussion über die Betrachtung von Wissenschaft und Technik in
Deutschland ausgelöst. Seit längerer Zeit ist in der Presse und
sogar in wissenschaftlichen Kreisen die Rede von der Notwendigkeit
einer rein objektiven, neutralen, fachlichen, sachlichen,
ideologiefreien, wertfreien und nicht emotionalen Wissenschaft.
Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner behauptete nach dem Verbot von
Genmais, dass sie auf wissenschaftlichen Studien basiere und ihre
Entscheidung nicht politisch sei. Kann überhaupt die Entscheidung
einer Ministerin nicht politisch sein?
Die Aussage Aigners, sie sei kein ideologischer, sondern ein
pragmatischer Mensch (FAZ 19.04.2009), deuten darauf hin, dass es
einen wissenschaftlichen Sachzwang gäbe, nach dem Politikern sich
orientieren sollten. Obwohl in der Wissenschaft versucht wird, der
Wahrheit näher zu kommen, wird mit solchen Wissenschaftsverständnis
die Forschung einfach mit Wahrheit gleichgesetzt. Die nach Popper
begründete Suche nach Wahrheit wird also einfach mit Wahrheit
verwechselt. Dies kann als Nährboden für die Zunahme der
Technokratie in der Gesellschaft dienen, d.h. fachlich fundiertes
Wissen wird als Fakt aufgenommen, so als ob es sowohl im
Forschungsprozess selbst sowie in der Auswertung keinen subjektiven
Einfluss gäbe. In diesem Sinne hätten Meinungen, die von der
wissenschaftlichen Erkenntnis abweichen, einen „politischen“
Charakter.
Auch wenn dies einem breiten Publikum plausibel erscheinen mag, ist
die Situation im Wissenschaftsbetrieb um einiges komplexer. Wenn wir
betrachten, wie Wissenschaft im Besonderen funktioniert, so wird
klar, dass durchaus subjektive Entscheidungen getroffen werden.
Ausgehend von der Auswahl des Themas, den Zielen einer Forschung,
dem theoretischer Hintergrund, der Auswahl der Methode und der
Interpretation der gesammelten Daten, werden subjektive
Entscheidungen eines Wissenschaftlers oder einer zugehörenden
Forschungsgemeinschaft getroffen. Diese Entscheidungen sind wiederum
von dem Umfeld, von Ideologien und Weltanschauungen gefärbt, in dem
die Forschung entsteht. Wissenschaft ist deshalb widersprüchlich,
historisch und kontextabhängig. Folglich ist Wissenschaft nicht
wertfrei, denn sie unterscheidet sich grundsätzlich von anderen
Wissenszugängen durch ihre Vorgehensweise, ihre Methode, wodurch ein
Zusammenhang empirisch analysiert und theoretisch begründet wird.
Diese Methode entstand als noch auf Mythen, Glauben und Aberglauben
basierende Weltanschauungen herrschten. Sie erhob den Anspruch,
Zusammenhänge vorher zu verstehen, bevor sie geglaubt werden.
Die Debatte über die Agro-Gentechnik ist jedoch mehr vom Glauben als
von Wissenschaft geprägt. Es ist grundsätzlich eine politische
Debatte, die in einer demokratischen Gesellschaft von der kritischen
Öffentlichkeit und nicht von der Arroganz und der Macht der
Technokratie entschieden werden sollte. Dies ist die Aufgabe von
Wissen und Forschung, aber um welche Wissenschaft geht es überhaupt?
Eine Wissenschaft, die Zusammenhänge als ideologisch stigmatisiert,
in der es keine Parallele zwischen natürlichen Phänomenen und
zwischen historischen Ereignissen geben soll? Eine Wissenschaft, in
der die Forschung für Chemiekonzerne mit technischem Forstschritt
gleichgesetzt wird? Was ist überhaupt noch Forschungsfreiheit, wenn
die Interessen der Chemie- und Pharmakonzerne zunehmend über die
Interessen der Mehrheit von Verbrauchern und Bauern gestellt werden?
Nach dem Anbauverbot von MON 810 ist der Zweck der Agro-Gentechnik
auch in Deutschland deutlicher geworden. Die Chemieindustrie
beschwert sich, dass ihre Investitionen im Forschungsbereich und die
damit zusammenhängenden Arbeitsplätze gefährdet seien. Forscher
kündigen an, sie würden den Standort Deutschland verlassen. Nach
dieser Meinung sollten also Regierungen weiter dafür sorgen, dass
eine von der Mehrheit der Bevölkerung nicht erwünschte Technik eine
Anwendung findet.
Wenn durch das Anbauverbot die Forschung, die nicht unbedingt ihre
Anwendung voraussetzt, weiter geht, woran liegt dann das Problem?
Gerade in der ideologischen Einseitigkeit dieser Forschung: es wird
nicht das erforscht, was nicht angewendet wird und es kommt nur das
zur Anwendung, was für die Chemiekonzerne von Interesse ist und
wodurch in der Forschung Arbeitsplätze erhalten werden können. Dabei
ist auffällig, dass die davon betroffenen Forscher selbst die
Akzeptanz der Agro-Gentechnik fördern, damit ihre eigenen
Arbeitsplätze erhalten bleiben. Können dabei die Interessen der
Chemiekonzernen und der von ihnen finanzierten Wissenschaftlern
ausgeschlossen werden?
Ideologien entstehen durch den Zusammenhang zwischen Interessen und
Wissen. Es gibt wenige Beispiele in der Geschichte der Wissenschaft,
die so deutlich auf den ideologischen Charakter einer Technik
hinweisen wie dies bei der Agro-Gentechnik der Fall ist. Es gibt
auch keinen anderen Bereich der öffentlichen Forschung, in dem
Universitäten, öffentliche Labors, Privatunternehmen und Konzerne
bei der Entwicklung und Forschung so eng zusammen arbeiten wie bei
der Gentechnik. Zunehmend versuchen Spitzenforscher mit der eigenen
Vermarktung ihrer Ergebnisse zu liebäugeln und nutzen ihre
akademische Position, um eine unbeliebte Technik durchzusetzen.
Dabei werden kritische Studien, die weltweit seit mehr als 10 Jahren
auf die negativen Auswirkungen der Agro-Gentechnik hinweisen,
einfach verantwortungslos ignoriert. Das herrschende Argument lautet
aber, man sollte nicht auf diese „Zukunftstechnologie“ verzichten.
Und dies obwohl die gentechnisch veränderten Pflanzen sich nicht als
ertragreicher und umweltschonender als herkömmlichen erwiesen haben.
Die Rede über die Zukunft basiert auf Glauben, denn die Erfahrung
der Bauern mit den Pflanzen entsprechen dem Gegenteil: nach wenigen
Jahren Anbau herbizid- und insektenresistenter Pflanzen treten
Resistenzen bei Unkräutern und Insekten auf, die die Technik
unwirksam machen. Auch die negativen Nebenwirkungen der
Agro-Gentechnik auf die Umwelt und die Gesundheit von Menschen und
Tieren bleiben größtenteils von den „neutralen“ Wissenschaftlern und
Politikern unberücksichtigt. In Ländern, in denen seit längerer Zeit
die Agro-Gentechnik eingeführt wurde, sind Menschen und die Umwelt
von einem zunehmenden Pestizideinsatz betroffen, was den Interessen
der Chemie- und Pharmaindustrie entspricht.
Es handelt sich also um eine politische Entscheidung und es geht bei
der Agro-Gentechnik eindeutig um Herrschaft. Technokratische
Versuche, eine gescheiterte Technik der Gesellschaft aufzuzwingen,
werden demnach ideologisch begründet, sei es durch die
neomalthusianische Angst, es gäbe zukünftig nicht ausreichenden
Lebensmittel zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung oder durch
den Glauben an die „Wunder der Technik“. Wen der Nutzen einer
Technik Vorteile für wenige und Schaden für die Mehrheit verursacht,
liegt die Entscheidung über deren Anwendung in der Gesellschaft.
Feldversuche in der freien Umwelt sowie der kommerzielle Anbau von
Genpflanzen haben sich als Feldzerstörung und Sachbeschädigung
erwiesen. Dagegen sind Gesetze zum Schutz einer Mehrheit von
Betroffenen zu begrüßen. Da die betroffenen Vertreter der
Chemiekonzerne und ihre Verfechter, die ansonsten für ihre
legalistische Haltung bekannt sind, dies jetzt jedoch nicht
akzeptieren, versuchen sie scheinbar weiterhin eine „technische
Vernunft“ zu propagieren, um ihre ideologischen Interessen
durchzusetzen.
Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Dozent an
der Unijuí (Südbrasilien) und an der Johannes Kepler
Universität Linz (Österreich). Er
beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Sozialproblematik
von Kleinbauern und Landlosen in Brasilien, insbesondere mit
Fragen der Agrartechnik, der Demokratisierung und der
Solidarwirtschaft. Mehr Informationen unter
www.andrioli.com.br/de
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