ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI

Professor do Mestrado em Educação nas Ciências da UNIJUÍ - RS e da Universidade Johannes Kepler de Linz (Áustria). Doutor em Ciências Econômicas e Sociais pela Universidade de Osnabrück (Alemanha)

 

 

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Der Mythos der wertfreien Gentechnik

Antônio Inácio Andrioli*

 

Der Begriff der technischen Vernunft ist vielleicht selbst Ideologie. Nicht erst ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft (über die Natur und über den Menschen), methodische, wissenschaftliche, berechnete und berechnende Herrschaft. (Herbert Marcuse)

 

Fonte: http://cienciacolectiva.blogspot.com/2008/11/contaminacin-de-transgnicos-en-maz.htmlDas Anbauverbot der Maisorte MON 810 hat eine sehr kontroverse Diskussion über die Betrachtung von Wissenschaft und Technik in Deutschland ausgelöst. Seit längerer Zeit ist in der Presse und sogar in wissenschaftlichen Kreisen die Rede von der Notwendigkeit einer rein objektiven, neutralen, fachlichen, sachlichen, ideologiefreien, wertfreien und nicht emotionalen Wissenschaft. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner behauptete nach dem Verbot von Genmais, dass sie auf wissenschaftlichen Studien basiere und ihre Entscheidung nicht politisch sei. Kann überhaupt die Entscheidung einer Ministerin nicht politisch sein?

Die Aussage Aigners, sie sei kein ideologischer, sondern ein pragmatischer Mensch (FAZ 19.04.2009), deuten darauf hin, dass es einen wissenschaftlichen Sachzwang gäbe, nach dem Politikern sich orientieren sollten. Obwohl in der Wissenschaft versucht wird, der Wahrheit näher zu kommen, wird mit solchen Wissenschaftsverständnis die Forschung einfach mit Wahrheit gleichgesetzt. Die nach Popper begründete Suche nach Wahrheit wird also einfach mit Wahrheit verwechselt. Dies kann als Nährboden für die Zunahme der Technokratie in der Gesellschaft dienen, d.h. fachlich fundiertes Wissen wird als Fakt aufgenommen, so als ob es sowohl im Forschungsprozess selbst sowie in der Auswertung keinen subjektiven Einfluss gäbe. In diesem Sinne hätten Meinungen, die von der wissenschaftlichen Erkenntnis abweichen, einen „politischen“ Charakter.

Auch wenn dies einem breiten Publikum plausibel erscheinen mag, ist die Situation im Wissenschaftsbetrieb um einiges komplexer. Wenn wir betrachten, wie Wissenschaft im Besonderen funktioniert, so wird klar, dass durchaus subjektive Entscheidungen getroffen werden. Ausgehend von der Auswahl des Themas, den Zielen einer Forschung, dem theoretischer Hintergrund, der Auswahl der Methode und der Interpretation der gesammelten Daten, werden subjektive Entscheidungen eines Wissenschaftlers oder einer zugehörenden Forschungsgemeinschaft getroffen. Diese Entscheidungen sind wiederum von dem Umfeld, von Ideologien und Weltanschauungen gefärbt, in dem die Forschung entsteht. Wissenschaft ist deshalb widersprüchlich, historisch und kontextabhängig. Folglich ist Wissenschaft nicht wertfrei, denn sie unterscheidet sich grundsätzlich von anderen Wissenszugängen durch ihre Vorgehensweise, ihre Methode, wodurch ein Zusammenhang empirisch analysiert und theoretisch begründet wird. Diese Methode entstand als noch auf Mythen, Glauben und Aberglauben basierende Weltanschauungen herrschten. Sie erhob den Anspruch, Zusammenhänge vorher zu verstehen, bevor sie geglaubt werden.

Die Debatte über die Agro-Gentechnik ist jedoch mehr vom Glauben als von Wissenschaft geprägt. Es ist grundsätzlich eine politische Debatte, die in einer demokratischen Gesellschaft von der kritischen Öffentlichkeit und nicht von der Arroganz und der Macht der Technokratie entschieden werden sollte. Dies ist die Aufgabe von Wissen und Forschung, aber um welche Wissenschaft geht es überhaupt? Eine Wissenschaft, die Zusammenhänge als ideologisch stigmatisiert, in der es keine Parallele zwischen natürlichen Phänomenen und zwischen historischen Ereignissen geben soll? Eine Wissenschaft, in der die Forschung für Chemiekonzerne mit technischem Forstschritt gleichgesetzt wird? Was ist überhaupt noch Forschungsfreiheit, wenn die Interessen der Chemie- und Pharmakonzerne zunehmend über die Interessen der Mehrheit von Verbrauchern und Bauern gestellt werden?

Nach dem Anbauverbot von MON 810 ist der Zweck der Agro-Gentechnik auch in Deutschland deutlicher geworden. Die Chemieindustrie beschwert sich, dass ihre Investitionen im Forschungsbereich und die damit zusammenhängenden Arbeitsplätze gefährdet seien. Forscher kündigen an, sie würden den Standort Deutschland verlassen. Nach dieser Meinung sollten also Regierungen weiter dafür sorgen, dass eine von der Mehrheit der Bevölkerung nicht erwünschte Technik eine Anwendung findet.

Wenn durch das Anbauverbot die Forschung, die nicht unbedingt ihre Anwendung voraussetzt, weiter geht, woran liegt dann das Problem? Gerade in der ideologischen Einseitigkeit dieser Forschung: es wird nicht das erforscht, was nicht angewendet wird und es kommt nur das zur Anwendung, was für die Chemiekonzerne von Interesse ist und wodurch in der Forschung Arbeitsplätze erhalten werden können. Dabei ist auffällig, dass die davon betroffenen Forscher selbst die Akzeptanz der Agro-Gentechnik fördern, damit ihre eigenen Arbeitsplätze erhalten bleiben. Können dabei die Interessen der Chemiekonzernen und der von ihnen finanzierten Wissenschaftlern ausgeschlossen werden?

Ideologien entstehen durch den Zusammenhang zwischen Interessen und Wissen. Es gibt wenige Beispiele in der Geschichte der Wissenschaft, die so deutlich auf den ideologischen Charakter einer Technik hinweisen wie dies bei der Agro-Gentechnik der Fall ist. Es gibt auch keinen anderen Bereich der öffentlichen Forschung, in dem Universitäten, öffentliche Labors, Privatunternehmen und Konzerne bei der Entwicklung und Forschung so eng zusammen arbeiten wie bei der Gentechnik. Zunehmend versuchen Spitzenforscher mit der eigenen Vermarktung ihrer Ergebnisse zu liebäugeln und nutzen ihre akademische Position, um eine unbeliebte Technik durchzusetzen.

Dabei werden kritische Studien, die weltweit seit mehr als 10 Jahren auf die negativen Auswirkungen der Agro-Gentechnik hinweisen, einfach verantwortungslos ignoriert. Das herrschende Argument lautet aber, man sollte nicht auf diese „Zukunftstechnologie“ verzichten. Und dies obwohl die gentechnisch veränderten Pflanzen sich nicht als ertragreicher und umweltschonender als herkömmlichen erwiesen haben. Die Rede über die Zukunft basiert auf Glauben, denn die Erfahrung der Bauern mit den Pflanzen entsprechen dem Gegenteil: nach wenigen Jahren Anbau herbizid- und insektenresistenter Pflanzen treten Resistenzen bei Unkräutern und Insekten auf, die die Technik unwirksam machen. Auch die negativen Nebenwirkungen der Agro-Gentechnik auf die Umwelt und die Gesundheit von Menschen und Tieren bleiben größtenteils von den „neutralen“ Wissenschaftlern und Politikern unberücksichtigt. In Ländern, in denen seit längerer Zeit die Agro-Gentechnik eingeführt wurde, sind Menschen und die Umwelt von einem zunehmenden Pestizideinsatz betroffen, was den Interessen der Chemie- und Pharmaindustrie entspricht.

Es handelt sich also um eine politische Entscheidung und es geht bei der Agro-Gentechnik eindeutig um Herrschaft. Technokratische Versuche, eine gescheiterte Technik der Gesellschaft aufzuzwingen, werden demnach ideologisch begründet, sei es durch die neomalthusianische Angst, es gäbe zukünftig nicht ausreichenden Lebensmittel zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung oder durch den Glauben an die „Wunder der Technik“. Wen der Nutzen einer Technik Vorteile für wenige und Schaden für die Mehrheit verursacht, liegt die Entscheidung über deren Anwendung in der Gesellschaft. Feldversuche in der freien Umwelt sowie der kommerzielle Anbau von Genpflanzen haben sich als Feldzerstörung und Sachbeschädigung erwiesen. Dagegen sind Gesetze zum Schutz einer Mehrheit von Betroffenen zu begrüßen. Da die betroffenen Vertreter der Chemiekonzerne und ihre Verfechter, die ansonsten für ihre legalistische Haltung bekannt sind, dies jetzt jedoch nicht akzeptieren, versuchen sie scheinbar weiterhin eine „technische Vernunft“ zu propagieren, um ihre ideologischen Interessen durchzusetzen.

 


* Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Dozent an der Unijuí (Südbrasilien) und an der Johannes Kepler Universität Linz (Österreich). Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Sozialproblematik von Kleinbauern und Landlosen in Brasilien, insbesondere mit Fragen der Agrartechnik, der Demokratisierung und der Solidarwirtschaft. Mehr Informationen unter www.andrioli.com.br/de

 

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