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ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI
Professor do Mestrado em Educação
nas Ciências da UNIJUÍ - RS e da Universidade Johannes Kepler de
Linz (Áustria). Doutor em Ciências Econômicas e Sociais pela
Universidade de Osnabrück (Alemanha)
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Agrarökologie als Bildungsprozess in der
Familienlandwirtschaft - Teil II
Antônio Inácio Andrioli
Technik
ist nicht wertneutral, sondern ihre Art und Ausprägung ist mehr und
mehr die Folge eines Prozesses, dem Machtverhältnisse zugrunde
liegen, die mit ökonomischen Interessen und soziokulturellen
Aspekten verknüpft sind. Insofern kann die Frage der Agrartechnik
unseres Erachtens nach keineswegs als isolierte technische Lösung
gesehen werden, sondern als ein sozialpolitisches Problem, das mit
den herrschenden Produktionsverhältnissen verbunden ist. Die
Agrarökologie ist als eine Reaktion auf die negativen Auswirkungen
der Umsetzung sogenannter Modernisierungstheorien besonders in den
ärmsten Ländern zu verstehen und hat deshalb eine starke politische
Komponente, indem sie bezüglich der Senkung von Inputs und der Bewahrung der natürlichen
Produktionsgrundlagen ökonomisch stabilisierend bei Kleinbauern
wirken kann und auf die Reduzierung technischer Abhängigkeit zielt
(Wolff 1992). Sie kann jedoch als technische Innovation nur an
Bedeutung gewinnen, indem sie sich nicht strikt auf eine Korrektur
von Fehlern herkömmlicher Agrartechnik beschränkt, sondern als
interdisziplinärer Ansatz auf die Veränderung herrschender
Technikentwicklung zielt und zu alternativen
Organisationsmöglichkeiten der Kleinbauern beiträgt, die ihre
Handlungsautonomie stärken.
Die besondere
soziale Rolle der Agrarökologie besteht darin, dass sie auf dem
kollektiven Handeln bestimmter Gruppen in der Zivilgesellschaft in
Bezug auf ihr Verhältnis zur Natur basiert.
Zunächst geht sie nicht am Wissen der Bauern vorbei und legt auf die
Bewahrung der natürlichen Ressourcen, auf die Schaffung
wirtschaftlichen Wachstums, das nicht auf Naturzerstörung gründet,
einen besonderen Wert, - also Faktoren, die neben der Arbeit die
historische Grundlage landwirtschaftlicher Produktion bilden. Durch
den Einsatz der Agrarökologie im Familienbetrieb bleibt zusätzlich
auch die Kontrolle über die angewandte Technik und die damit
verbundene Bestimmung der Arbeitsintensität unabhängig bei den
Produzenten erhalten. Entscheidend für die Bauern sind dabei jedoch
die möglichen Vorteile für ihre Lebensqualität, besonders die Fragen
der Gesundheit und der Arbeitserleichterung. Beide Elemente, die durch den Einsatz ökologischer Technik
angesprochen werden, stehen im Mittelpunkt der politischen Debatte um technische Innovation in der Landwirtschaft, denn
sie knüpfen direkt an die Bedürfnisse der auf dem
Lande
arbeitenden Menschen an und können von daher zum Ausgangspunkt der
Bildung eines politischen Bewusstseins unter den Bauern werden. Die
Möglichkeit, durch einen besseren Umgang mit der Natur Arbeit zu
sparen, zu erleichtern und gesünder zu gestalten, sind besonders
wichtig bei der Entscheidung der Bauern zur technischen Innovation.
Es handelt sich dabei aber auch um einen Lernprozess, in dem Bauern dazu befähigt
werden, organisiert über ihre konkreten Probleme zu reflektieren und
begleitet von wissenschaftlichen Erkenntnissen Lösungen zu
entwickeln, die angesichts ihrer Komplexität eine breitere soziale
und politische Organisation erfordern, so dass kulturelles Kapital
(Wissen) zum ökonomischen und sozialen Kapital werden kann (Bourdieu
1983).
Technik umfasst
Produktions- und Organisationsmethoden, die für die herrschende
Produktionsweise bestimmt sind. Von daher wird im Kapitalismus die
Auswahl von Technik auch in der Landwirtschaft von den herrschenden
Produktionsverhältnissen bestimmt und sie kann nicht einfach von den
Zielen, für die sie entwickelt wurde, getrennt werden, nämlich der
Erhöhung der Produktivität und der sozialen Kontrolle als
Vergegenständlichung der Arbeitsteilung (Bahr 1970). Der
Technikeinsatz ist also in seinem historischen Entwicklungsprozess
von den gesellschaftlichen Verhältnissen und Machtstrukturen
bestimmt. Diese
beantworten auch die Frage, wem er eigentlich dienen soll. Besonders
wichtig ist, dass Wissenschaft und Technik im Spätkapitalismus schon
bei der Grundlagenforschung nicht neutral
oder als ein transzendentales Prinzip behandelt werden, sondern sie
spiegeln ein bestimmtes Moment der Entwicklung der Produktivkräfte
wider, in dem sie wiederum von den Produktionsverhältnissen in der
Gesellschaft beeinflusst werden. Insofern ist klar, „dass jeder
Versuch, die Produktionsverhältnisse zu ändern, scheitern
muß, wenn nicht auch die Natur der Produktivkräfte
(und nicht bloß deren Nutzung) verändert wird“ (Gorz 1973: 94-95).
Die Technik ist
also ein Resultat und nicht der Verursacher einer Entwicklung der
Produktivkräfte, und die Beziehung der Menschen zur Natur spiegelt
die Verhältnisse der Menschen untereinander wieder. Die
Umweltzerstörung, die Schädigung der Gesundheit sowie die Ausbeutung
und soziale Ausgrenzung von Menschen sind ein Zeichen des zentralen
Widerspruchs der kapitalistischen Gesellschaft, in der die
Entwicklung der Produktivkräfte es eigentlich ermöglicht, die
Produktion sozial zu gestalten; die Produktionsmittel und die
Resultate der Produktion werden jedoch nach wie vor privat
angeeignet. In diesem Sinne scheint ein technischer Fortschritt
außerhalb der technischen und institutionellen Zwänge der
kapitalistischen Marktwirtschaft undenkbar, denn im Konkurrenzkampf
dominiert die Macht stärker als die Rationalität, obwohl beide
Aspekte gleichzeitig und miteinander verbunden wirken.
Wie Marx am
Beispiel der Industrialisierung nachwies, treten neue
Produktionsverhältnisse nur dann auf, wenn die aus der alten
Gesellschaft entwickelten Voraussetzungen ihrer Existenz vorhanden
sind.
Die Technikentwicklung als Folge der Entwicklung der Produktivkräfte
hängt ihrerseits von den neuen Produktionsverhältnissen ab. Ein
Kleinbauer, der von der Entwicklung der Produktivkräfte gezwungen
wird, dem modernsten Stand der Technik zu folgen, wird mit großer
Wahrscheinlichkeit zum Landarbeiter, so wie die Handwerker von ihrer
aktiven zur passiven Position im Produktionsprozess zu Lohnarbeitern
wurden und machen damit den Weg zur weiteren Entwicklung der
Produktivkräfte frei. Dennoch: Obwohl die Kleinbauern mit Hilfe der
Technik stark unter die Herrschaftsverhältnisse in der
kapitalistischen Gesellschaft subsumiert werden, bleibt ihnen
anderseits jedoch einen Spielraum offen, in dem sie sich bewegen und
als aktive politische Menschen reflektieren und reagieren können.
„In diesem Zusammenhang sind jedoch die kleinen Erzeuger nicht nur
als passive und beherrschte soziale Akteure zu sehen, sondern sie
besitzen stets auch einen gewissen autonomen Handlungs- und
Reflexionsspielraum, der ein Bewusstsein über die Veränderbarkeit
der bestehenden Herrschaftsverhältnisse potentiell möglich macht“
(Wolff 1992: 82-83).
Wissen ist nicht
nur mit der Produktion verbunden, sondern stellt gleichzeitig ein
Element der Machtbeziehungen in der Gesellschaft
dar. Technik ist von daher auch ein soziales Verhältnis und
besteht nicht nur aus materiellen Werkzeugen, sondern besonders aus
Wissen, Methoden und Organisationsprozessen der Produktion. Da die
Übermittlung von Wissen ein Herrschaftsverhältnis darstellt und die
Schaffung autonomen Wissens nur durch Aneignung erfolgen kann ist
dabei die Machtfrage immer präsent.
Es handelt sich um ein soziales Produkt der Gesellschaft und deren
Anwendung kann nicht nur zur Aufrechterhaltung sondern auch zur
Veränderung der Produktionsverhältnisse führen. Nicht nur die
Produktionsmittel befinden sich im Kapitalismus in einem
fortwährenden, oftmals revolutionären Veränderungsprozess, sondern
auch das Verhältnis der Menschen zu den Produktionsmitteln wie ihre
wechselseitigen Verhältnisse können verändern werden, was ein
potenzieller Lern- und Bildungsprozess darstellt.
Literatur:
ANDRIOLI, A. I. Biosoja versus
Gensoja: Eine Studie über Technik und Familienlandwirtschft im
nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul (Brasilien).
Frankfurt am Main: Peter Lang, 2007.
BAHR,
H.-D. Kritik der „politischen Technologie“. Eine
Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse und Jürgen Habermas.
Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1970
BOURDIEU, P. Ökonomisches Kapital, Soziales Kapital, Kulturelles
Kapital. In: Kreckel, R. (Hrsg.). „Soziale Ungleichheiten“.
Soziale Welt, Sonderband II. Göttingen: Otto Schwarz, 1983.
FREIRE, Paulo.
Pedagogia do oprimido. Rio de Janeiro: Paz e Terra, 1987.
GORZ,
A. Technische Intelligenz und kapitalistische Arbeitsteilung.
In: Vahrenkamp, R. (Hrsg.). Technologie und Kapital. Frankfurt am
Main: Suhrkamp, 1973.
GUZMÁN, E. S. La perspectiva
sociológica en agroecología: una
sistematización de sus
métodos y
técnicas. Córdoba: ISEC,
2001.
MARX,
K. Das Kapital. Band I. MEW 23. Berlin: Dietz Verlag, 1983.
WOLFF,
L. A. Ecofarming im Spannungsfeld zwischen Technologie und
Politik. Saarbrücken: Breitenbach, 1992.
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