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ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI
Professor do Mestrado em Educação
nas Ciências da UNIJUÍ - RS e da Johannes-Kepler-Universität de
Linz (Áustria). Doutor em Ciências Econômicas e Sociais pela
Universidade de Osnabrück – Alemanha
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Technischer Fortschritt
und kapitalistische Sozialverhältnisse in der Landwirtschaft
Antônio Inácio Andrioli
“Ländliche Arbeitskräfte sind
nach wie vor in besonderem Maße politisch disziplinierbar“.
(Brüggemann/Riehle 1986: 28-29)

Die Agrarindustrie versucht, den
Bauern Techniken beizubringen, um
die Arbeitsproduktivität und den entsprechenden relativen Mehrwert
des gesamten Systems zu steigern. Die Arbeit einer Bauernfamilie
wird durch den Einsatz von moderner Technik an die Logik
kapitalistischer Produktion angepasst. Durch die Arbeitsteilung wird
es ähnlich wie bei der Industrie möglich, die Planung der Arbeit von
deren Durchführung zu trennen, wobei der Bauer wie ein
Industriearbeiter der Herrschaft der Technik unterworfen wird.
Aber gibt es nicht vielleicht spezifische Merkmalle in der
Landwirtschaft, die (anders als in der Industrie) den
kapitalistischen technischen Forstschritt erschweren? Und welcher
Einfluss haben Sozialverhältnisse auf den technischen Fortschritt in
der Landwirtschaft?
Die Senkung der Preise
landwirtschaftlicher Produkte kann zur Senkung der Entgelte der
Beschäftigten in der Stadt beitragen, denn billigere Lebensmittel
führen zur Senkung der Kosten der notwendigen Arbeit d.h. der
Reproduktion der Arbeiter in der Industrie. Schon aus diesem Grund
ist es für die gesamte kapitalistische Wirtschaft wichtig, dass
technischer Fortschritt in der Landwirtschaft stattfindet, der
genauso wie in der Industrie zur Steigerung der Arbeitsproduktivität
führen soll. Autoren wie Carvailhés (1981) sehen gerade in diesem
Zusammenhang den Grund, weswegen es die Kapitalisten interessiere,
die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu erhalten. Sie hätten
festgestellt, dass die Erhaltung der Familienlandwirtschaft die
beste Alternative ist, um
die Reproduktionskosten der Arbeiterklasse in der Industrie zu
reduzieren und gleichzeitig die Grundrente zu vermeiden.
Diese
Sichtweise unterstellt allerdings, als ob es eine übergreifende
Klassenentscheidung der Kapitalisten gäbe, die im Namen ihres
Gesamtinteresses handelt, oder mit anderen Worten, dass es so etwas
wie eine höhere Instanz gäbe, die im
Interesse aller Einzelkapitalisten die besten und
langfristig richtigen Entscheidungen treffen würde. Im
real existierenden Kapitalismus sieht es allerdings
ganz anders aus, denn die Kapitalisten tendieren dazu, um kurzfristige Vorteile und Profit zu konkurrieren und
nicht dafür zu sorgen, dass das gesamte System rationell und geplant
langfristig gut funktioniert. Aus diesem Grund beschrieb Marx zum
Beispiel die kapitalistische Gesellschaft als eine anarchische Welt,
was der Realität sicherlich näher kommt.
Vorausgesetzt, dass es eine
Korrespondenz zwischen dem technischen
Paradigma und dem politischen System gibt, werden
Bauern allmählich durch die politischen Institutionen dazu gebracht,
sich an das für die kapitalistischen Verhältnisse geeignete
technische Modell anzupassen. „Mit der wachsenden Einordnung des
Bauern in das Gesamtsystem hat der Zwang zur Akkumulation, zur
Vergrößerung der Bestände, zur Erhöhung der Leistungen des Viehs und
des Bodens auch den Produkten der Tätigkeit des Bauern vollständig
Warencharakter ausgedrückt. Kein Bauer kann es sich mehr leisten,
andere als ökonomische Kategorien zur Richtschnur seiner Produktion
zu machen“. (Poppinga 1975: 134)
Die sogenannte Industrialisierung der
Landwirtschaft bringt dennoch Schwierigkeiten mit sich, die aus der
Besonderheit der landwirtschaftlichen Produktion erklärt werden
müssen. Um die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft zu
steigern, spielen im Grunde zwei Faktoren eine Rolle, das Kapital
und die Natur. Um sich in der
Landwirtschaft reproduzieren zu können, ist das Kapital zusätzlich
von natürlichen Faktoren abhängig – zu denen vor allem der Boden
zählt
-, die
bei der Industrie keine entscheidende Rolle spielen. Die
landwirtschaftliche Produktion ist also von drei externen Faktoren
abhängig: a) den biologischen Prozessen, b) dem Einfluss der Natur
und c) dem Boden.
Die biologischen Prozesse verhindern
eine hochentwickelte Arbeitsteilung in der Landwirtschaft. Auch bei
den Monokulturen ist nur eine einfache Zusammenarbeit der Arbeiter
möglich, wie zum Beispiel das Ernten in Gruppen,
um schneller zu arbeiten und Verluste zu reduzieren.
Eine komplexe, integrierte Arbeitsteilung, wie sie in der modernen
Industrie zu finden ist, kann in der Landwirtschaft nicht
funktionieren, weil hier Zeiten der Nichtarbeit eintreten, die von
den biologischen Prozessen bestimmt werden. Weil die
Produktionsperiode (mit ihren Phasen Keimen, Wachstum, Reifen) der
Pflanzen von der Natur abhängt, wird die Zirkulation des Kapitals in
der Landwirtschaft reduziert. Und wenn das Kapital „stehen bleibt“,
führt es zur Entwertung und zu Hemmnissen bei der Schaffung von
Wert. Je länger eine Maschine „stehen bleibt“, umso weniger lohnt es
sich, sie einzusetzen. Die Alternative für manche Bauern dazu ist,
ihre Maschinen für andere Bauern einzusetzen, die sie sich nicht
leisten können, oder Maschinenringe zu organisieren, damit das
Potential einer Maschine möglichst gut ausgenutzt wird. Das Problem
der Zeiten der Nichtarbeit wird dadurch aber nicht gelöst, sondern
der technische Fortschritt verschärft es sogar. Obwohl gerade durch Technik versucht wird, den
Einfluss biologischer Prozesse in der Landwirtschaft zu reduzieren,
finden sich auch weiterhin Begrenzungen, auch bei hoch entwickelten
Pflanzensorten.
Zwänge der Natur sind im Zusammenhang
mit den biologischen Prozessen zu sehen. Die Natur beeinflusst und
bestimmt ganz erheblich den Produktionsprozess in der Landwirtschaft
(v.a. Jahreszeit, Temperatur, Niederschlag, Feuchtigkeit,
Photosynthese). Eine Beeinflussung dieser Faktoren (durch
Gewächshäuser, Bewässerung, Abdeckung mit Folien, Wärmezuführung
gegen Frostgefahren o.ä.) hat ökonomische und technische Grenzen.
Sie lohnt sich bei bestimmten Produkten und Produktgruppen (Gemüse,
gewisse Beeren, Zierpflanzen, Blumen usw.) aber der Aufwand steigt
bei flächenintensivem Anbau und wird irgendwann unwirtschaftlich.
Die landwirtschaftliche Technik muss sich also grundsätzlich an die
Umwelt anpassen und nicht umgekehrt, wie es bei der Industrie der
Fall ist, wo die Umwelt an die Maschine angepasst wird und
Bedingungen geschaffen werden, um den Produktionsprozess von der Natur zu trennen.
Die Abhängigkeit landwirtschaftlicher
Produktion vom Boden ist von dessen Fruchtbarkeit und Lage bestimmt.
Die Fruchtbarkeit eines Bodens hängt mit dessen Eigenschaften
zusammen (wie physische Struktur, Nährstoffe), die für bestimmte
Pflanzen besser geeignet sind und daher ein Differential zu anderen
Böden darstellen. Der Boden ist nicht nur ein Substrat, sondern ein
komplexes System, das Leben enthält (Bakterien, Pilze, Insekten und
zahlreiche weitere Kleinlebewesen). Von daher steht dieser Faktor
auch im Zusammenhang mit den biologischen Prozessen und mit der
Natur. „Es ist nun mal das
grundlegende ‚Prinzip‘ der Landwirtschaft, daß sie mit Leben, das
heißt mit lebenden Substanzen, zu tun hat. Ihre Erzeugnisse sind die
Ergebnisse von Lebensprozessen, und ihr Produktionsmittel ist der
lebende Boden“. (Schumacher 1981: 100) Aber noch wichtiger ist, dass
der Boden einen qualitativ und quantitativ begrenzten
Produktionsfaktor darstellt. Ziel des technischen Fortschritts ist
es, den Boden an die kapitalistischen Produktionsbedingungen
anzupassen, etwa durch die chemische Düngung, womit eine Alternative
zur quantitativen Grenze des Bodens gefunden wurde. Die
Lokalisierung von marktnahen Böden stellt einen wichtigen Vorteil im
Vergleich zu anderen Böden dar, die einen
höheren Anteil an Transportkosten für die landwirtschaftliche
Produktion verursachen. Lokalisierungsprobleme wurden ihrerseits
durch die Entwicklung des Verkehrswesens und die Schaffung näherer
Märkte teilweise überwunden.
Soziale Verhältnisse spielen eine
entscheidende Rolle bei der Bodenfrage. Weil es sich
um
einen begrenzten Produktionsfaktor handelt, der nicht vermehrbar
ist, führt der Grundbesitz zur Zahlung der Grundrente, ein Hemmnis
für die Mobilität des Kapitals. Wenn es in einem Land keine
„herrenlosen“ oder brachliegenden nutzbaren Böden mehr gibt, nehmen
die Konflikte um
den Mehrwert der landwirtschaftlichen Produktion zwischen dem
Grundbesitzer und dem Kapitalisten zu. Auch in dieser Hinsicht wird
technischer Fortschritt als Alternative gesehen,
um den Produktionsprozess von der
Rente zu befreien: Durch chemische Düngung und
Verbesserungen im Transportwesen wird versucht, fruchtbaren und
günstig gelegenen Boden zu „vermehren“.
Auch wenn der technische Fortschritt
eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen
real
oder potenziell erlaubt, liegt es in der Logik ihrer
kapitalistischen Anwendung, die Ausbeutung der Arbeit absolut und
vor allem relativ zu steigern. Durch die Technik wird es möglich,
die Überwachung der Arbeiter durch Beauftragte des Kapitals zu
reduzieren und damit die üblichen direkten Konflikte zwischen
Unternehmensleitung und Arbeiterschaft zu vermeiden. Es wird
möglichst versucht, die Arbeiter für ihre Arbeit selbst
verantwortlich zu machen, kontrolliert durch die „Logik der
Maschine“ bzw. der Arbeitsorganisation.
Dies findet auch in der
Landwirtschaft statt, indem die Bauern für ihre Arbeit selbst
verantwortlich scheinen, während der gesamte Produktionsprozess
allmählich von der Logik des am kapitalistischen
Verwertungsinteresse orientierten technischen Fortschritts bestimmt
wird, der von den Agrarkonzernen beherrscht und kontrolliert wird.
So werden Bauern tendenziell zu ländlichen Lohnarbeitern. „Wenn der
Gebrauch der Maschinerie im Ackerbau großenteils
frei
ist von den physischen Nachteilen, die sie dem Fabrikarbeiter
zufügt, wirkt sie hier noch intensiver und ohne Gegenstoß auf die
‚Überzähligmachung‘ der Arbeiter“. (Marx 1983: 527)
Literatur:
Andrioli, A. I. Biosoja versus
Gensoja: Eine Studie über Technik und Familienlandwirtschft im
nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul (Brasilien).
Frankfurt am Main: Peter Lang, 2007
Brüggemann, B./Riehle, R. Das Dorf: über die Modernisierung einer
Idylle. Frankfurt am Main:
Campus Verlag, 1986.
Cavailhés, J. Les reponses marxistes à la question agraire.
Histoire des idées et des faits. Paris: INRA/ENSSAA, 1981.
Marx,
K. Das Kapital. Band I. MEW 23. Berlin: Dietz Verlag, 1983.
Poppinga, O. Bauern und Politik. Frankfurt am Main:
Europäische Verlsgsanstalt, 1975.
Schumacher, E.F. Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen
für Wirtschaft und Technik „Small is Beautiful“. Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt, 1981. |
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