Biosoja
versus Gensoja:
Eine
Studie über Technik und Familienlandwirtschaft im nordwestlichen
Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul/Brasilien*
Einführung
Der
Konflikt um den Gensoja- und Biosojaanbau prägt die aktuelle
Debatte über die Agrarreform in Brasilien. Es handelt sich dabei
um den Zugang zu Ressourcen, um das Recht auf Land und Nahrung und
letztendlich um politische Macht, die unmittelbar damit verbunden
ist. Die weltweite Zunahme der Konzentration im Ernährungsbereich,
die Monopolisierung des agroindustriellen Komplexes und die
Tendenz zum Freihandel im Agrarsektor verstärken die Konkurrenz
zwischen den Produzenten, was die Überlebensfähigkeit von
Kleinbauern stark beeinträchtigt. Die Existenz der Kleinbauern
als individuelle Produzenten wird durch den Einsatz der Gentechnik
in der Landwirtschaft in dem Maße erschwert, wie sie durch die
schleichende gentechnische Verseuchung gezwungen werden, der
Strategie der Agrarkonzerne zu folgen. Die Fortführung der
sogenannten Grünen Revolution vertieft die Abhängigkeit,
Verschuldung und Verarmung der Kleinbauern, die unter einen
massiven Anpassungsdruck stehen, ohne eine reale
Zukunftsperspektive zu haben. Ihr tendenzieller Ausschluss vom
Produktionsprozess vertieft die Landkonzentration, beschleunigt
die Landflucht und erhöht die Zahl von Landlosen und zugleich
Arbeitslosen, eine Tendenz, die stark zur wachsenden sozialen
Ungleichheit und der daraus entstehenden Gewalt in Brasilien beiträgt.
Auf diesem Hintergrund ist die gegenwärtige
Ausbreitung der Gentechnik[1]
in der Sojaproduktion zu beobachten, die seit 1999 durch
eingeschmuggeltes Saatgut aus Argentinien in den Grenzgebieten
stattfindet.
1.
Thema der Arbeit
Mit
der Hoffnung, die Unkrautbekämpfung durch die Anwendung von
Herbizid und geringerem Arbeitseinsatz zu erleichtern, zu
verbilligen und dadurch den Ertrag zu steigern, wird in immer größerem
Umfang im nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande
do Sul die herbizidresistente Soja angebaut. Die angebliche Lösung
für die existenziellen Probleme der Bauern wird mit einer
Wiederholung von Argumenten der „Grünen Revolution“ begleitet,
enthält jedoch eine neue Qualität: Indem gentechnisch
verändertes Saatgut als Eigentum eines Agrarkonzerns patentiert
ist und durch die Verseuchung von Feldern eine herkömmliche
Produktion verhindert wird, wird die Abhängigkeit der Bauern von
technischen Inputs vollständig, da deren Einsatz schon von der
Aussaat an vorprogrammiert ist. Diese Entwicklung scheint uns die
Marxsche Prognose zu bestätigen, in der die Landwirtschaft endgültig
zu einem bloßen Industriezweig und ganz vom Kapital beherrscht
wird. (Marx 1967) Um gegen diesen Trend anzugehen, haben seit 1999
Bauern ausgerechnet in dieser Region damit begonnen, Biosoja zu
produzieren, unterstützt von einer regionalen Genossenschaft[2], der einzigen in Rio Grande do Sul überhaupt, die sich
während der Periode des Einschmuggelns von Saatgut öffentlich
gegen den Gensojaanbau äußerte.
Diese
Auseinandersetzung über Technik und Familienlandwirtschaft haben
wir als Thema der vorliegenden Dissertation ausgewählt, um in
Form einer Fallstudie zu untersuchen, ob die Biosoja eine
Perspektive für die Kleinbauern im nordwestlichen Grenzgebiet von
Rio Grande do Sul als Alternative zu der Ausbreitung der
Gensojaproduktion bieten kann. Um den Hintergrund zur Auswahl des
Themas zu verdeutlichen, scheint es uns wichtig, zu erklären,
dass der Autor selbst als Bauernsohn in der Realität der
Sojaproduktion aufgewachsen ist, Agrarwissenschaften studierte,
als Bauer und Agrarberater in der erwähnten Region tätig war,
umfangreiche Erfahrungen gesammelt und sich jahrelang direkt mit
der Problematik der betroffenen Kleinbauern beschäftigt hat. Dies
sollte nicht die Objektivität einer wissenschaftlichen Studie
schmälern, sondern sie eher bereichern. Ausgehend von seiner
beruflichen und praktischen Erfahrung wird der Autor allerdings
dazu tendieren, viele Probleme aus Sicht der betroffenen Bauern
anzugehen. Andrerseits liegt unseres Erachtens darin auch ein
Vorteil: Es erlaubt dem Autor, Besonderheiten zu erkennen und zu
verstehen, die eine Nähe zur Realität erfordern.
2.
Vorgehensweise der Studie.
Im
Gegensatz zu dem weiterhin dominierenden Trend einer
traditionellen Ansicht der Agrartechnik (und darin der
Gentechnik) als Innovation und Chance sehen wir Wissen und Technik
in der kapitalistischen Gesellschaft sowohl als Produktionsfaktor
als auch als Element eines Herrschafts- und Machtverhältnisses an,
das mit der sozialen Ungleichheit der Menschen zusammenhängt.
In diesem Sinne interessiert uns insbesondere die soziale
Dimension von Wissen, da sich die Gentechnik auf die
Familienlandwirtschaft mit einer herrschaftslegitimierenden
Funktion[3]
auswirken kann. Zusammengefasst sind für uns also zwei zentrale,
leitende Fragen dabei wichtig: a) Welche Transformationen finden
durch den Einsatz der Gentechnik in der Familienlandwirtschaft
statt? b) Inwieweit kann die Agrarökologie eine Möglichkeit zur
Erhaltung der Familienlandwirtschaft in der kapitalistischen
Gesellschaft sein? Verstehen wollen wir insbesondere, warum
Kleinbauern Gensoja anbauen, und welche Rolle der Anbau von
Biosoja für sie spielen könnte; wie Kleinbauern über die
Anwendung von Technik in der Landwirtschaft entscheiden; wie und
warum die Gensoja sich durchsetzt; welche Widerstände darin zu
erkennen sind, und welche Interessen dabei eine entscheidende
Rolle spielen.
Da
die Wirklichkeit sozialer Ereignisse als Bewegung angenommen wird,
kann sie logischerweise nur historisch erfasst werden. Wir sehen
deshalb die Vergangenheit nicht als determinierend an, die
Entdeckung ihrer Auswirkungen jedoch als grundlegend für mögliche
Optionen, die für die Gegenwart und Zukunft offen bleiben[4]. Deshalb bildet die Analyse der liberalen und
marxistischen Literatur zum Thema Technologie und
Familienlandwirtschaft (in dieser historischen Reihenfolge) die
Grundlage unserer Untersuchung, wobei wir wichtige Zusammenhänge
herausarbeiten, die im Allgemeinen für die gegenwärtige
theoretische Auseinandersetzung unseres Erachtens weiterhin
aktuell sind. Aus der historisch grundsätzlichen theoretischen
Debatte über den Zusammenhang zwischen Technik und Landwirtschaft
in der kapitalistischen Entwicklung interessiert uns insbesondere,
wie sich aus der Spannung zwischen zwei Paradigmen, die sich
dialektisch gegenüber stehen, Widersprüche und Einheiten ergeben,
die weiterhin die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu dem
Thema begleiten und begründen. Nach der Identifizierung von
theoretischen Grundprinzipien und Kategorien in der klassischen
Literatur zu unserem Thema, die wir als universell übertragbar
einschätzen, betrachten wir die Landwirtschaft in ihrer
Besonderheit und in ihrem brasilianischen und regionalen Kontext,
denn Sozialwissenschaften sind historisch und kulturell kontextabhängig.
(Flyvbjerg 2001) Mit Hilfe einer deskriptiv-historischen Darlegung
der Landwirtschaft in der untersuchten Region kommen wir danach
zur Analyse der gegenwärtig zugespitzten Diskussion zum Thema
Gensoja, um im Spannungsfeld zwischen der auf der
Modernisierungstheorie basierten Befürwortung und deren Kritik,
die wichtigsten Auswirkungen für die Kleinbauern zu
identifizieren.
Mit
dieser deduktiven Annäherung an die zu untersuchende Perspektive
der Biosojaproduktion haben wir uns von einer
universell-theoretischen zu einer partikulär-konkreten Dimension
bewegt und kommen stets von der Theorie zur Empirie. Die Methode
diente uns bis dahin dazu, dass während der Feldforschung
Konkretes durch Abstraktes vermittelt werden konnte, da wir uns (auch
immer von zeitlichen Restriktionen und dem Kriterium der
Machbarkeit bedingt) eine aus der gesamten Wirklichkeit (Totalität)
isolierte Besonderheit zum Gegenstand einer Fallstudie machten.
Die Fragestellung für das Formular, die Interviews und die
Auswertung der Feldforschungen wurden deshalb weiter von den
allgemeinen theoretischen Kategorien geleitet und begleitet, damit
Besonderes und Allgemeines schließlich wieder verbunden werden
kann, d.h. dass bekanntes Wissen zur Entwicklung neuer
Erkenntnisse führt.
Da
die Wirklichkeit aber nicht teilbar ist, ist die Isolierung eines
Gegenstandes für eine Fallstudie nur durch Abstraktion möglich,
in der eine konkrete Situation untersucht wird, die am besten
unserem Erkenntnisinteresse entspricht (dies ist für uns, wie
oben erwähnt, das Spannungsfeld zwischen Gensoja und Biosoja).
Dabei setzen wir voraus, dass die Analyse des Besonderen zur
Erfassung des Gesamten beiträgt, d.h. je mehr wir uns durch
allgemeine abstrakte Kategorien dem Besonderem nähern, um so
besser können wir uns der Konkretheit der Totalität in ihren
vielfältigen und vernetzten Beziehungen nähern. Soziale
Ereignisse entstehen und verändern sich ständig und können
deshalb nur in ihrer Beziehung zu anderen Ereignissen und ihrem
Kontext verstanden werden, den sie integrieren. Es ist also
wissenschaftlich möglich, die Beziehungen der Ereignisse
untereinander und ihre Einzelheiten in Bezug auf die Totalität
rationell zu begreifen, was Kosik als das Prinzip der konkreten
Totalität bezeichnet. (Kosik, 1976)
Bei
der vorliegenden Studie werden wir Technik bezüglich der Folgen
der Umsetzung einer bestimmten naturwissenschaftlichen Erkenntnis,
nämlich der Gensoja, kritisch untersuchen. Dafür haben wir als
Gegenstand unserer empirischen Untersuchungen Bauern (die ökologisch,
herkömmlich und gentechnisch veränderte Soja produzieren) und
Organisationen (Gewerkschaften, Genossenschaften und Agrarberatung)
ausgewählt. Dabei werden wir interdisziplinär auf Besonderheiten
des Untersuchungsgegenstandes eingehen, um die Konflikte und
Probleme zu analysieren und Widersprüche, die einen möglichen
Widerstand zufolge haben können, zu identifizieren. Methodisch
wurde in einer Makroebene auf strukturelle Elemente der
Gesellschaft, in einer Mesoebene auf den Einfluss von regionalen
Organisationen und in einer Mikroebene auf subjektive Elemente bezüglich
der Handlungsautonomie betroffener Individuen eingegangen.
Der
empirische Teil unserer Arbeit ist in drei Momente aufgeteilt: a)
eine explorative Studie mit biosojaproduzierenden Bauern; b)
Interviews mit Vertretern von Genossenschaften, Gewerkschaften und
Agrarberatung; c) eine Feldforschung, die mit Hilfe eines
standardisierten Fragebogens mit sojaproduzierenden Bauern
durchgeführt wurde. Nach
der Datensammlung wurden die Informationen statistisch
systematisiert, damit „die Zusammenhänge zwischen den Variablen
eingeschätzt werden können, was ‚mit bloßem Auge‘ nicht möglich
ist“. (Fricke 2005: 3) Die Datenbank haben wir mit dem Programm
Excel[5]
eingerichtet, und die statistische Bearbeitung der Informationen
wurde mit Hilfe der Software SPSSWIN[6]
durchgeführt. Die Informationen wurden in Tabellen[7]
zusammengefasst, um sie im Zusammenhang und in Bezug auf unser
Erkenntnisinteresse interpretieren zu können. Der Vergleich
zwischen unterschiedlichen Variablen orientierte sich nach
folgenden Aspekten, die bezüglich unseres Erkenntnisinteresses
von besonderer Bedeutung sind: a) persönliches Profil; b)
Charakterisierung des Betriebs und Produktionsprozesses; c)
Teilnahme an sozialen Aktivitäten und Einfluss der Organisationen;
d) Beziehung zur Technik; e) Begriffe und Positionen. Schließlich
wurden die aus der statistischen Bearbeitung gewonnenen Daten in
Tabellen und Diagrammen eingeordnet und in den empirischen Teil
der Dissertation integriert.
Danach
sind wir induktiv zur Theorie zurückgekehrt, indem wir die durch
die empirischen Untersuchungen gelieferten Ergebnisse anhand
unserer theoretischen Grundlage interpretierten. Und so kamen wir
zu den Schlussfolgerungen unserer Studie, die
im Zusammenhang mit möglichen
Perspektiven für die Zukunft der Familienlandwirtschaft in der
Region dargestellt werden, in dem Sinne,
„daß alle Theorie von der Praxis auszugehen und auf
einer nächsten Stufe nach der theoretischen Reflexion (Aufsteigen
vom Abstrakten zum Konkreten) zu ihr zurückzukehren habe“. (Széll
1984: 23) Es ist dieser Beitrag, den wir für den Fortschritt der
Agrarsoziologie und der Praxis anbieten können, im Bewusstsein
unserer eigenen Grenzen, der Gefahren der Sozialdaten und des
Umganges damit, der historischen und kontextbezogenen Bedingungen
einer paradoxen Wirklichkeit und der zeitlichen Restriktionen, die
den Rahmen dieser Dissertation durchaus gestaltet haben.
3.
Ergebnisse der Arbeit
Indem
wir das nordwestliche Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do
Sul als Gegenstand unserer Untersuchung auswählten, stand im
Zentrum der Analyse zu verstehen, warum, wie und inwieweit Technik
die Familienlandwirtschaft verändert oder fördert, Abhängigkeitsstrukturen
verstärkt oder reduziert und die Chancen der Kleinbauern erhöht
oder verringert. Zugleich konzentrierten wir uns auf die Frage, ob
die Agrarökologie eine Alternative für die Kleinbauern bieten könnte,
um Produktionskosten zu
verringern, natürliche Ressourcen zu bewahren und die
Bauernarbeit in landwirtschaftlichen Familienbetrieben aufzuwerten.
Methodisch entschieden wir uns, eine Fallstudie durchzuführen und
wählten den Konflikt zwischen Gensoja und Biosoja aus, worauf
unsere Untersuchung begrenzt blieb. Zwei unserer Hypothesen wurden
dabei bestätigt, nämlich: a) dass die Sojaproduktion eine
wichtige Rolle für die Entwicklung der Region spielt, sich
dennoch auf wesentliche Interessen multinationaler Konzerne
bezieht, die am meisten davon profitieren; b) dass die Steigerung
der Produktionskosten in den landwirtschaftlichen
Familienbetrieben durch die Einführung „moderner“
Agrartechnologien eine wichtige Erklärung für die Verschuldung
und Verarmung der Bauern und die zunehmende Landflucht in der
Region darstellt.
Die
dritte Hypothese, die auf die Biosoja als Alternative zur
Anwendung „moderner“ Agrartechnik für die Kleinbauern
angesichts der Ausbreitung der Gensoja verwies, wurde durch unsere
Studie widerlegt, denn auf der objektiven Ebene sind die
Durchsetzungsmöglichkeiten der Biosoja unter den vorherrschenden
Bedingungen sehr gering und was die subjektive Voraussetzung
betrifft, nämlich die Bereitschaft der Kleinbauern, sie
entschlossen anzubauen, ist sie noch unwahrscheinlicher. Denn
trotz der besseren Preise und niedrigeren Betriebskosten
der Biosoja geht die absolute Mehrheit der Produzenten zum
Gensojaanbau über. Dies zu erklären, führte uns zur
intensiveren Analyse der Auswirkungen von kapitalorientierter
Technik in der Landwirtschaft, besonders in Hinblick auf
vorgebliche (und reale) Arbeitsersparnis und –erleichterung und
dem daraus folgenden Trend zur Anpassung und Zerstörung der
Familienlandwirtschaft und der natürlichen Produktionsgrundlagen.
Die
wichtigste Perspektive für die Familienlandwirtschaft, die auch
stark die Geschichte der regionalen Entwicklung des nordwestlichen
Grenzgebiets von Rio Grande do Sul prägt, hängt mit der Stärkung
der genossenschaftlichen Selbstorganisation der Kleinbauern
zusammen, die sowohl die Produktion als auch die Verarbeitung und
Vermarktung von ökologischen Nahrungsmitteln in der Region
umfassen könnte. Auch die Biosoja kommt dabei in Frage,
vorausgesetzt, dass sie nicht in der Form einer Monokultur für
den Agrarexport, sondern in einer regionalen Produktions-,
Verarbeitungs- und Vermarktungsstruktur integriert wird. Diese
Perspektive beschränkt sich nicht allein auf die Form wie
produziert wird, sondern versucht zugleich auf die zentrale
Machtfrage der Gesellschaft Einfluss zu nehmen, nämlich was,
wo, für wen, wann und durch
wen produziert wird.
Deutlich
hat sich bei unseren Untersuchungen von Biosojaproduzenten
herausgestellt, dass eine ökologische Produktion nicht unbedingt
mit einem niedrigeren Ertrag, mit höherer Arbeitsintensität und
höheren Betriebskosten verbunden ist, die normalerweise als
pauschale Begründung für höhere Preise von Bioprodukten
genommen wird. Das Beispiel der Biosoja kann gleichwohl nicht
einfach auf andere Bioprodukte übertragen werden. Hier sind
weitere Fallstudien erforderlich und ihre Ergebnisse sind
selbstverständlich offen. Die Logik der Konkurrenz in der
kapitalistischen Marktwirtschaft wird jedenfalls nicht durch die
Umstellung auf ökologische Produkte geändert: Großbetriebe können
sich im Fall einer möglichen Ausweitung des Markts für ökologische
Produkte grundsätzlich genauso darauf einstellen und diese Chance
zur Profitmaximierung ausnutzen. Je länger die Chemisierung durch
Agrobusiness aber anhält, je stärker die Böden kontaminiert
sind und ihre Fruchtbarkeit erodiert, je rasanter sich
gentechnisch veränderte Organismen ausbreiten und eine massive
Deprivation des landwirtschaftlichen Produktionsumfelds
eingetreten ist, um so schwieriger werden allerdings die
Umstellungsprobleme. Daraus ziehen wir die Schlussfolgerung, dass
allein die Anwendung einer neuen Technologie und Erzeugungsweise,
die zwar umweltfreundlicher als die vorherige ist, für die
soziale Problematik der Kleinbauern von geringer Bedeutung ist.
Die agroindustriellen Komplexe könnten sich auf ökologische
Produkte umstellen, die Bauern mit „biologischen“
Betriebsmitteln versorgen, ihre Verarbeitungs- und
Vermarktungsstrukturen an Bioprodukte anpassen, ohne damit die Abhängigkeitsstrukturen
aufzuheben.
Die
Sojamonokultur bietet keine Alternative für Kleinbauern, egal ob
sie auf herkömmliche, gentechnisch veränderte oder ökologische
Weise produziert wird, denn sie erfordert hohe Investitionen und
zunehmend größere Flächen. Beides ist für kleine Erzeuger am
schwierigsten zu erreichen, und zwar aufgrund ihrer geringen
Investitionsfähigkeit und ihres mangelnden Zugangs zu Krediten
und der Tatsache, dass der Boden eine begrenzte, nicht beliebig
vermehrbare Ressource darstellt. Und Biosojaproduktion als
Monokultur wäre ein Widerspruch in sich, denn ökologische
Produktionsmethoden setzen Fruchtfolge und die Umstellung eines
gesamten Gebiets voraus, was wiederum für Kleinbauern nur in
Zusammenarbeit mit mehren Nachbarn möglich ist.
Das
Überleben der Kleinbauern kann aufgrund der Selbstausbeutung der
Familien eine Weile andauern, sie werden aufgrund der höheren
Produktionskosten pro Einheit auf dem Markt ausgeplündert und
solange mehr Nachfrage als Angebot herrscht, können sie einigermaßen
mithalten. In der für die kapitalistische Landwirtschaft
charakteristischen Überproduktion werden die Kleinbauern dennoch
nicht mehr konkurrenzfähig, egal ob im „konventionellen“ oder
ökologischen Markt. Die Großbauern haben dann mit der Auflösung
kleiner Betriebe und der folgenden Landflucht weitere Vorteile: a)
es verschafft ihnen neue Spielräume in der Konkurrenz; b) sie können
nahe gelegene Bodenflächen zu billigen Preisen kaufen; c) sie können
die ehemaligen Kleinbauern als qualifizierte Landarbeiter in ihren
Lohnarbeitsbetrieben einstellen. Der Arbeitskräfteüberschuss auf
dem Lande ist besonders in Erntezeiten für die Großbetriebe
wichtig, so dass die billige Arbeitskraftreserve jahreszeitlich
„flexibel“ eingesetzt werden kann und das Problem der Zeit von
Nichtarbeit dadurch erledigt wird. Während
sie stattfindet und danach wird die technische „Modernisierung“
der Landwirtschaft also von Vorteil für die konkurrenzfähigsten
Bauern in der kapitalistischen Marktwirtschaft sein, was auch ihre
Begeisterung und Befürwortung technischer Angebote der
Agrarkonzerne erklärt.
Gerade
weil Regierungen die Agrarpolitik zugunsten der Großbauern
gestalten (die am Agrarexport orientiert sind), sehen die meisten
Kleinbauern in der untersuchten Region kaum eine Alternative, als
auch Monokulturen für den Export zu produzieren, mit allen ihren
Konsequenzen. Eine Veränderung der Agrarpolitik zugunsten einer
regionalen Nahrungsmittelproduktion würde die Selbstversorgung
der ärmsten Kleinbauern (erster Typ von Familienlandwirtschaft)
mit Nahrungsmitteln verbessern und deren Abhängigkeit von der
paradoxen Lebensmittelversorgung durch die Regierungen verringern.
Zugleich wird die Zunahme der Nahrungsmittelproduktion zur
Verbesserung der regionalen Versorgung beitragen, da die von uns
als zweiter Typ von Familienlandwirtschaft charakterisierte Gruppe
(die nach unserer Analyse noch bereit ist, Risiken einzugehen und
potenziell an einer genossenschaftlichen Organisation interessiert
ist) in erster Linie unterstützt werden kann. Ihre vorbildliche
Rolle bei agrarökologischen Innovationen kann insofern zur
Aufhebung der Isolation und Zersplitterung der Kleinbauern
untereinander beitragen und zur Solidarität motivieren.
Indem
noch eine duale Dimension in der Familienlandwirtschaft besteht, nämlich
die Verbindung von Konsum und Produktion im Familienbetrieb,
steigt die Aufmerksamkeit der Produzenten für die Qualität der
Nahrungsproduktion und deren Auswirkungen auf die eigene
Gesundheit. Dieses für die kapitalistische Produktionsweise
widersprüchliche Verhältnis zwischen Mehrwertproduktion und
menschlichen Bedürfnissen macht die Familienlandwirtschaft
insofern zu etwas besonderem für die Agrarökologie. Die Debatte
um die Agrartechnologie kann die von den destruktiven Kräften
herrschender Agrartechnik betroffenen Bauern verbinden und als
Ausgangspunkt für den Aufbau eines neuen Bewusstseins dienen,
also auch eine politische Dimension bekommen. Die Möglichkeit,
durch die Erfahrung mit der Agrarökologie den
Ausbeutungscharakter kapitalistischer Landwirtschaft zu entlarven
und die Notwendigkeit ihrer politischen Organisation zusammen mit
anderen antikapitalistischen Kräften in der Gesellschaft zu
vereinigen, kann einer ökologischen und genossenschaftlichen
Bewegung der Kleinbauern eine revolutionäre Dimension verleihen.
Dies hängt jedoch davon ab, inwieweit es durch eine
sozialisierende Produktion innerhalb der kapitalistischen
Marktwirtschaft möglich ist, dass deren Widersprüche tatsächlich
offenbar werden (so dass die technischen, ökonomischen und
sozialen Abhängigkeiten nicht mehr verschleiert sondern
verdeutlicht werden) und eine breitere Bewegung zur Folge hat.
Hinsichtlich der Zusammenhänge der Agrarökologie mit den
konkreten Bedürfnissen der betroffenen Menschen scheint eine
Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden zu sein, die sich bei
Fortschrittserfahrungen brasilianischer Kleinbauern mit der für
sie „geeigneten sozial angepassten Technik“ nachweisen lässt.
Schlußfolgerungen
Der
Einsatz der Gentechnik in der brasilianischen Sojaproduktion
intensiviert die Freisetzung von Destruktivkräften, die sich
zugleich auf Natur und die auf dem Lande arbeitenden und lebenden
Menschen auswirken. Die Privatisierung von natürlichen Ressourcen
und von Wissen zugunsten multinationaler Agrarkonzerne und Großgrundbesitzer
vertieft die soziale Ungleichheit in der brasilianischen
Gesellschaft, und die Chancen des Widerstands durch die
individuellen Kleinproduzenten und Verbraucher werden erheblich
eingeschränkt. Während das Kapital, insbesondere Betriebsmittel,
Kredite sowie die Verarbeitungs- und Vermarktungsstruktur
landwirtschaftlicher Produktion zunehmend monopolisiert werden,
stehen die selbst arbeitenden Bauern unter dem Druck, mit Hilfe
von Technik untereinander um ihr
Überleben zu konkurrieren. Die Familienlandwirtschaft im
nordwestlichen Grenzgebiet von
Rio Grande do Sul neigt dazu, sich aufgrund
der angeblichen Arbeitserleichterung und -ersparnis an
die beschriebene interessengeleitete Technikentwicklung anzupassen
und dadurch zerstört zu werden. Der Biosojaanbau stellt aufgrund
der herrschenden Agrarstruktur keine umfassende Alternative für
die untersuchten Familienbetriebe dar, und mögliche Perspektiven
der Agrarökologie hängen stark von einer Zunahme
genossenschaftlicher Organisation von Kleinbauern und Konsumenten
in der Region ab. Gerade weil die in der Landwirtschaft zusammenhängenden
ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme die materielle
Existenz der Kleinbauern bedrohen, könnten kollektive Ansätze
eine Chance eröffnen. Die Selbstorganisation der von der
kapitalistischen Modernisierung der Landwirtschaft betroffenen
Menschen würde einen gemeinsamen Lern-, Politisierungs- und
sozialen Mobilisierungsprozess erlauben, der die Voraussetzung für
eine andere Entwicklungsdynamik wäre.
Literatur:
Flyvbjerg,
B. (2001): Making Social
Science Matter. Why social inquiry fails and how it can
succeed again. Cambridge:
Cambridge University Press.
Fricke,
R. M. (2005): Estatística e aplicações aos fenômenos sociais.
Ijuí: Unijuí.
Habermas,
J. (1968): Technik und
Wissenschaft als Ideologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Kosik,
K. (1976): Dialektik des
Konkreten. Eine Studie zur Problematik des Menschen und der
Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Marcuse,
H. (1984): Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen
Industriegesellschaft. Darmstadt: Luchterland.
Marx,
K. (1967): Grundrisse
der Kritik der politischen Ökonomie.
Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.
Ortmann,
G. (1995): Formen der
Produktion. Organisation und Rekursivität. Opladen:
Westdeutscher Verlag.
Széll,
G. (1984): Bildungsarbeit
als Forschungsprozeß. Anmerkungen zur Übertragbarkeit der
Freireschen Pädagogik. München: Hueber.
por
ANTÔNIO
INÁCIO ANDRIOLI