Strukturelle
Ursachen der Korruption in Brasilien
Korruption
ist das zentrale Thema der gegenwärtigen politischen
Auseinandersetzung in Brasilien. Die Korruptionsaffäre[1]
der PT[2]
bekam einen solchen Raum in den brasilianischen Medien, wie es
zuvor nur während des Impeachment-Prozesses von Collor de Melo[3]
zu sehen war. Die Regierung Lula steckt seitdem in ihrer tiefsten
Krise: sowohl José Dirceu, der Minister der Casa Civil[4],
als auch der Parteivorsitzende José Genoino und der
Finanzminister Antonio Palocci mussten von ihren Ämtern zurücktreten.
Obwohl die meisten Anzeigenden selbst in Korruption verwickelt
waren und daher die Glaubwürdigkeit fehlt, wenige ernsthafte
Beweise geliefert wurden und die Affäre eigentlich die PT und
nicht unmittelbar die Regierung Lula betrifft, wird absichtlich
das falsche Bild verbreitet, diese Regierung sei die korrupteste
aller Zeiten. Das ist natürlich Unsinn. Bei der gezielten und
anhaltenden Diskussion ist deutlich zu sehen, dass es sich größtenteils
um einen Versuch seitens konservativer Medien und oppositioneller
Kräfte im Lande handelt, die Regierung Lula politisch zu lähmen
und deren Wiederwahl 2006 zu verhindern.
Das
neue an der derzeitigen brasilianischen Debatte zu dem Thema ist
eigentlich, dass nicht nur die bürgerlich konservativen Parteien
wie bekannt korrupt sind, sondern auch selbst die PT, die bisher
als frei von Korruption galt. Indem auch die PT in Korruption
verwickelt wird, ist von einer „Demokratisierung“ der
Korruption in Brasilien die Rede, d.h. jetzt sind „alle“ davon
betroffen, was im Grunde die Freude korrupter Politiker mit der
Situation erklärt, denn die PT profitierte sehr lange von ihrer
Tugend, frei von Korruption regiert zu haben. Der Kontext in
Brasilien führt uns zu folgenden Fragen, auf die wir versuchen näher
einzugehen: 1) Warum sitzt die Korruption so tief in Brasilien? 2)
Welche Ursache gibt es dafür? Wie kommt es dazu, dass auch die PT
davon betroffen ist? Methodisch werden wir zunächst den Begriff
Korruption und dessen Verständnis in Brasilien analysieren,
danach das politische System in Brasilien bezüglich des Problems
erläutern und schließlich auf Merkmale der brasilianischen
politischen Kultur eingehen, um die wichtigsten Hintergründe der
gegenwärtigen Debatte zu dem Thema verstehen zu können.
1.
Der Begriff Korruption
Es
gibt in Brasilien sehr viele Wörter, um Korruption zu bezeichnen:
Cervejinha, molhar a mão, lubrificar, lambileda, mata-bicho,
jabaculê, jabá, capilê, conto-do-paco, conto-do-vigário,
jeitinho, mamata, negociata, por fora, taxa de urgência, propina,
rolo, esquema, peita, falcatrua, maracutaia, usw. Die Fülle an Wörtern
scheint in Brasilien und in den Ländern größer zu sein, in
denen Korruption als alltäglich betrachtet oder sogar als
Naturgesetz akzeptiert wird. Ursprünglich stammt der Begriff
Korruption aus dem Latein Corruptione und bedeutet etwa
Korrumpierung, Perversion, Verdorbenheit, Verderbtheit, Verwesung,
Zergliederung und Bestechung. Korruption ist jedoch –
je nach Kontext –
nicht
immer negativ zu sehen. Sie stellt zum Beispiel die Grundlage für
die Sprachentwicklung dar. In dem Sinne wird die portugiesische
Sprache als eine vorteilhafte Veränderung der lateinischen
Sprache betrachtet, die in ihrer brasilianischen Variante noch
dynamischer und lebhafter gestaltet (insofern korrumpiert) wurde.
Im politischen Sprachgebrauch hat Korruption jedoch eine negative
Bedeutung, was geschichtlich gesehen nicht der Fall ist.
Geschichtlich wurde Korruption meistens mit Rechtmäßigkeit/Legalität
verbunden: Als korrupt wurde jener bezeichnet, der sich nicht an
die Gesetze hielt. Selbst die heutzutage als äußerst negativ
bezeichneten Erscheinungen der Korruption wie Bestechungsgeld,
Vetternwirtschaft und Veruntreuung waren vor wenigen Jahrzehnten
nicht negativ belastet: Bestechungsgelder (peita) wurden als
normale Zahlungen von Steuern an Adlige charakterisiert;
Vetternwirtschaft (nepotismo) war als Autoritätsprinzip der
Kirche im Mittelalter anerkannt, wonach die Verwandten des Papstes
sozial akzeptierte Privilegien erhielten;
der Begriff Peculato (Veruntreuung) stammt
sprachgeschichtlich aus der Zeit, als die Rindzucht die Grundlage
des Reichtums darstellte und hing damit zusammen, dass Ochsen oder
Kühe als eine Art Währung dienten. Mit der heutigen Bezeichnung
für eine Begünstigung durch öffentliche Gelder blieb die
Gemeinsamkeit, dass eine Gegenleistung für bestimmte Privilegien
vorausgesetzt wird.
In
Brasilien kommt zu dieser Voraussetzung das sogenannte
Gerson-Gesetz hinzu, was bedeutet, dass bei jeder Handlung immer
Vorteile erwartet werden und die Handelnden möglichst nur an sich
denken sollen. Dieses Verhalten passt eigentlich gut zum
sogenannten kapitalistischen Geist, der in der Marktwirtschaft von
den Menschen erwartet wird. Schon Adam Smith z.B. bezeichnete
diese Art zu handeln als die beste Form, zum Fortschritt der
Gesellschaft beizutragen (Smith, 1990). Die Korruption ist zwar älter
als die kapitalistische Produktionsweise, sie findet aber unseres
Erachtens im Kapitalismus ideale Bedingungen, um sich fortzusetzen.
Indem die Zwingherrschaft des Kapitals
über die Arbeit[5]
es den Kapitalisten ermöglicht, den durch die Arbeit anderer
erzeugten Mehrwert privat anzueignen, ist eine der grundlegendsten
Formen der Korruption als legal anerkannt.
Die
moderne Korruption ist demnach im Kontext der grundlegenden
Ungerechtigkeit der Klassengesellschaften zu verstehen: der
Ungerechtigkeit am Zugang zu den Produktionsmitteln, dem Ursprung
der sozialen Ungleichheit und der Klassengesellschaften, was im
frontalen Widerspruch zur Demokratisierung, zur sozialen
Gerechtigkeit und zur Solidarität zwischen den Menschen steht.
Deshalb ist die Korruption geschichtlich verhältnismäßig umso
größer, je ungerechter die Gesellschaft ist, d.h. je größer
der Kontrast zwischen Arm und Reich. Der Mangel an öffentlicher
Versorgung und Diensten schafft die Grundlage dazu, öffentliche Güter
zu privatisieren und sie als Ware zu missbrauchen, ein Kontext
indem z.B. Stimme gegen Leistungen des Staates im Wahlkampf
verkauft werden oder die Zustimmung zu Gesetzen als Gegenleistung
für regionale Investitionen (die sogenannten „Emendas
Parlamentares“) erfolgt.
Korruption
ist allerdings ein weltweites Phänomen und nach der Erklärung
des IV. Globalen Forums zur Bekämpfung der Korruption[6]
stellt sie „eine Bedrohung für die Demokratie, für das
Wirtschaftswachstum und den Rechtsstaat dar“. Nach diesem Verständnis
dient der internationale Korruptionsindex[7]
als Parameter für Investitionen der Weltbank, angeblich um zu
verhindern, dass internationale Kredite zur Finanzierung korrupter
Regierungen missbraucht werden und zugleich, um Maßstäbe zu
setzen, Regierungen dazu zu verpflichten, Korruption zu bekämpfen.
Andrerseits wird
Korruption durch diese Vorgehensweise oft als Argument zur
Rechtfertigung der Unterentwicklung armer Länder genutzt. Die
Akzeptanz dieser These ist erstaunlicherweise in den ärmsten Ländern,
insbesondere in Afrika, stark verbreitet worden, als ob die sozial
ungerechte Struktur in diesen Ländern ausschließlich am Mangel
sogenannter Good-Governance liegen würde. Dadurch werden
einerseits die historischen und strukturellen Ursachen der
Korruption verschleiert und andererseits wird die Verantwortung
von Kolonialmächten, die nach wie vor von der Abhängigkeit und
Unterwerfung vieler Länder profitieren, an die unterdrückte Bevölkerung
oder deren Regierungen abgeschoben, als ob diese an ihrer
Unterentwicklung „selber schuld“ wären.
Verbreitung
und Umfang von Korruption hängen jedoch weniger vom
internationalen Index ab als von den Medien, vom Zugang zu
Informationen, von der Transparenz von Regierungen und nicht
zuletzt von der Bekämpfung der Korruption selbst ab, denn
Regierungen, die Maßnahmen ergreifen, um Korruption zu bekämpfen,
tragen entscheidend dazu bei, dass die Öffentlichkeit sich damit
befasst und korrupte Handlungen als Problem betrachtet. In
Brasilien sind geschichtlich die meisten Korruptionsaffären erst
durch private Konflikte öffentlich geworden. Deshalb ist es für
das Land eine neue Situation, dass unter der Regierung Lula die
Korruption zunächst als ein politisches Problem thematisiert
wurde: Bestochene Politiker sind als „Opfer“ in die Öffentlichkeit
gegangen, um die PT anzugreifen und dadurch die Opposition zu stärken
und Lula abzuwählen. Dies erklärt die Freude der rechten
Politiker im Lande, manche davon (wie Jorge Bornhausen[8])
glauben sogar, jetzt hätten sie die Chance, die PT, „diese
Rasse endlich zu vernichten“. Die Korruption wird weiter als
politisches Instrument im Wahlkampf genutzt im Zusammenhang mit
der Strategie der brasilianischen korrupten Eliten, sie als
endogenes Problem der brasilianischen Kultur zu bezeichnen, denn
die Naturalisierung der Korruption, indem sie als selbstverständlich
betrachtet wird (nach dem Moto „das hat es schon immer
gegeben“, „alle sind korrupt“, „man muss damit leben wie
mit den Jahreszeiten“) vernichtet die Chancen, sie effektiv zu
bekämpfen, obwohl sie von Menschen gemacht und von daher auch von
Menschen gestaltbar und veränderbar ist.
2.
Das politische System in Brasilien
Bei
der theoretischen Debatte um die Korruption in Brasilien sind
mindestens zwei Tendenzen zu erkennen: a) Manche Wissenschaftler
gehen davon aus, dass die Korruption in Brasilien als Erbe des
iberischen Patrimonialismus zu bezeichnen ist; b) Andere Autoren
weisen auf das Fehlen einer feudalen Geschichte im Lande hin, was
den Vergleich mit dem orientalischen Patrimonialismus erlauben würde,
indem keine Trennung zwischen öffentlichen und privaten Bereichen
stattfindet. Unseres Erachtens ist die Entwicklung
Brasiliens jedoch durch Modernisierung und Erhaltung des
Patrimonialismus zugleich geprägt, d.h. dass nach wie vor eine
Abhängigkeitsstruktur[9]
des Landes besteht, die mit der Aufrechterhaltung des status
quo der Eliten zusammenhängt. Deshalb wird von einer
konservativen Modernisierung Brasiliens gesprochen, da es sich
nicht um eine neue Ordnung handelt, sondern um Veränderungen, die
letztendlich zur Konsolidierung einer ungerechten und ungleichen
Gesellschaftsstruktur beitragen. Der
Begriff „Modernisierung“ wird insofern ständig von
wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Aspekten
geprägt, so dass es sich im Grunde um den Streit zwischen
verschiedenen Modernisierungsprozessen handelt, denen die Akteure
gegenüber stehen. Der ungleiche Zugang zu den Produktionsmitteln
seit der Kolonialisierung des Landes stellt eigentlich die Basis für
den brasilianischen Patrimonialismus dar, eine Korruption, die
sich auch auf der politischen Ebene auswirkt und auch in anderen Ländern
Lateinamerikas zu sehen ist. Es ist eine wichtige Besonderheit des
gesamten südamerikanischen Kontinents, dass dort eine Koexistenz
von vor- und halbkapitalistischen Produktionsweisen besteht,
obwohl der Kapitalismus sich als grundlegend herausbildete, und
worauf das meiste kritische Denken sich schwerpunktmäßig
konzentrierte. Insbesondere in Brasilien ist deshalb eine abhängige
und ungleiche Entwicklung des Kapitalismus zu erkennen, indem ein
Zugang zur Moderne erfolgte, ohne dass ein Bruch mit der
patrimonialischen Vergangenheit stattgefunden hat.
Es
gibt daher keinen konsolidierten Rechtsstaat in Brasilien, ganz zu
schweigen von einem Sozialstaat. Der durch die ungleiche
Entwicklung des Landes entstandene neopatrimoniale Staat dient in
erster Linie den privaten Interessen von Großgrundbesitzern,
Unternehmern und anderen Vertretern des Kapitals. Es handelt sich
um einen autoritären und zentralisierten Staat und wir vertreten
hier die These, dass, je autoritärer und zentralisierter die
Macht ist, umso wahrscheinlicher es wird, dass Privates mit Öffentlichem
(res publica) durcheinander gerät/verwechselt wird. Viele
Verbrechen entstehen in Brasilien aus dem Staatsapparat selbst
und sind mit ihm verwoben, so dass die Kriminalität stark
von staatlichen Strukturen (insbesondere der Polizei und der
Judikative) unterstützt wird. Politiker werden meistens als
Vertreter mächtiger Interessen in der Gesellschaft gewählt, die
auch deshalb kandidieren, weil sie von der staatlichen Struktur
profitieren möchten. Selbst Verbrecher kandidieren, um als
Politiker geschützt zu werden, die sogenannte „bancada do
crime“ (Fraktion des Verbrechens), die nach Franciso Weffort bis
zu etwa 10% im Parlament ausmacht.
Fehlende
Transparenz, Ausgrenzung der Bevölkerungsmehrheit, geringe
Teilnahme der Zivilgesellschaft und fehlende Bestrafung der
Korruption sind die Folgen des politischen Systems in Brasilien
und schließen wieder den Kreis, der korruptes Handeln erleichtert.
Die zunehmende Professionalisierung der Politik kommt hinzu, denn
diese führt dazu, dass Wahlkämpfe immer teurer und Politiker
zunehmend abhängiger von Unternehmen werden, die bereit sind,
„in deren Zukunft zu investieren“. Auch die Möglichkeit,
einen Arbeitsplatz durch und in Regierungen zu bekommen, ist in
Zeiten hoher Arbeitslosigkeit nicht zu unterschätzen. Allein an
der Bundesregierung sind ca. 25.000 Menschen als
Vertrauenspersonal angestellt, die je nach Wahlenergebnis
ausgewechselt werden können.
Insbesondere
das Wahlsystem trägt dazu bei, dass Korruption als normales
Mittel der Politik betrachtet wird. Die unbegrenzte private
Finanzierung des Wahlkampfs erhöht die Wahrscheinlichkeit zur Begünstigung
von Unternehmen mit öffentlichen Geldern und die Tatsache, dass
die meisten Parteien überhaupt kein Programm haben, macht sie zu
politischen Instrumenten im Dienst von Unternehmen. Die Wahl der
Person (nach persönlichen Kriterien und Einflüssen), die
fehlende Parteizugehörigkeitspflicht von Kandidaten, der ständige
Parteienwechsel und die Parteibündnisse bereits vor den Wahlen
vermindern die Kontrolle der Gewählten und erhöhen die Tendenz,
Stimmen als Ware zu betrachten. Es kommt noch hinzu, dass
Bankgeheimnisse der Gewählten die Zirkulation von Schmiergeldern
erleichtern und die Konzessionen an Politiker, Medien zu besitzen,
das Potential zur Manipulation der
Öffentlichkeit erhöhen. Die politische Erfahrung
Brasiliens deutet also klar darauf hin, dass die existierende repräsentative
Demokratie weder repräsentativ noch demokratisch ist, denn es
besteht keine Volkssouveränität, keine Verantwortung der Gewählten
gegenüber den Wählern und keine Kontrolle der Gewählten, ein
Kontext, in dem die Korruption sehr schwer zu bekämpfen ist.
3.
Die politische Kultur
Auch
wenn die Korruption in Brasilien vor allem im politischen System
selbst verankert ist und mit der wirtschaftlichen Entwicklung
zusammenhängt, kann auch eine Kontinuität zwischen dem alltäglichen
Leben und der politischen Korruption gesehen werden. Und dies wird
seitens konservativer Journalisten und Politiker als eine Art
Naturgesetz dargestellt. Roberto Pompeu de Toledo schrieb 1994 in
der Zeitschrift Veja: „Korruption ist ein Bestanteil der
brasilianischen Politik so wie Reis und Bohnen die Grundlage der
Ernährung darstellen“. Adib Jatene, Minister für Gesundheit
unter der Regierung Collor de Melo, sagte 1992: „Wer den
Haushalt der brasilianischen Bundesregierung bestimmt sind
eigentlich die „empreiteiras“ (Baukonzerne)“. Maria Helena
Guinle äußerte im Dezember 1992 in der Zeitschrift Interview,
kurz vor dem Collor-Skandal: „Collor ist eine wunderbare Person,
er hat einen guten Geschmack[10],
kann gut reden, wir können nur stolz auf ihn sein“. Und selbst
nach dem Impeachment Collors versucht sie erneut das Handeln des
Präsidenten zu rechtfertigen, diesmal mit folgender Argumentation:
„Solche Ausrutscher passieren immer im Leben. Wenn du eine öffentliche
Funktion vertrittst, die dich irgendwie begünstigen kann, wäre
es ein wenig dumm von dir, wenn du die Gelegenheit nicht nutzen würdest“.
Mario Amato, Ex-Vorsitzender der FIESP[11],
sagte deutlich „Wir sind alle korrupt“. Diese Äußerungen
weisen jedenfalls darauf hin, dass es eine Art von Toleranz mit
der Korruption in Brasilien gibt, oder ein Verständnis dafür,
was zugleich als Unterstützung funktioniert.
Eines
der wichtigen kulturellen Merkmale der brasilianischen Korruption
ist der bereits erwähnte Patrimonialismus. Die
patrimonialistische Kultur betrachtet Staatsstrukturen wie private
Bereiche, was eng mit der brasilianischen Entwicklung zusammenhängt,
die durch Enteignung und Abhängigkeit gekennzeichnet ist. In der
Kolonialzeit besaßen 10% der Reichsten 2/3 des Reichtums des
Landes. Damals gab es keine allgemeine Ethik, denn Ethik war auf
die Familie begrenzt. Heutzutage besitzen die 10% der Reichsten
50% des Reichtums des Landes. Könnte das ein Zeichen dafür sein,
dass das Land auf dem falschen Weg ist? Nach der Meinung der
brasilianischen Eliten bedeuten Hunger, Konzentration des
Reichtums, zunehmende soziale Ungerechtigkeit, Privatisierung und
nicht zuletzt Korruption jedoch seit Jahrhunderten keine Barriere.
Es geht darum, „Veränderungen durchzuführen, damit alles
gleich bleibt“.
Eng
verstrickt mit der patrimonalistischen Sichtweise brasilianischer
Eliten finden sich die Phänomene des sogenannten Coronelismo
und clientelismo, die eigentlich die Grundlage des
brasilianischen Populismus und Assistentialismus bilden. Beim Coronelismo
geht es um die politische Macht der Grundbesitzer (der „Coronéis“),
die durch die Abhängigkeitsstruktur des Landbesitzes über die
Beschäftigten ausgeübt wird. Freundschaft und Verwandtschaft
spielen dabei eine entscheidende Rolle sowie die Unterwerfung der
Unterlegenen (Loyalität und Anerkennung), um patriarchalischen
Schutz und Privilegien zu erreichen. Clientelismo ist die
städtische Version des Coronelismo, da die meisten
Grundbesitzer entweder Ärzte oder Anwälte waren und ihre Wähler
als Kunden („clientes”) betrachteten. Auch Coronelismo
und clientelismo sind historisch mit der Entwicklung
Brasiliens verbunden, da die Marktwirtschaft ursprünglich von
Grundbesitzern geführt wurde. Dabei entstanden die sogenannten
Machtbereiche der Grundbesitzer („reinos“), wobei die
Herrschaften stolz darauf waren, ihr „Volk“ öffentlich zeigen
zu können, als Zeichen ihrer Macht. Trotz der „Modernisierung“
Brasiliens blieb das Gleichgewicht bei der Machtverteilung
zwischen Industriellen und Großgrundbesitzern erhalten. Der Präsident
Getúlio Vargas verstand es, als charismatisch-populistischer Führer,
mit diesem Kontext zurechtzukommen. Mit seiner Strategie, die
Interessen des Volkes, der Großgrundbesitzer und Industriellen zu
kombinieren, gelang es Vargas, 15 Jahre an der brasilianischen
Regierung zu bleiben. Es handelte sich dabei insbesondere um die
Manipulation der Arbeiterklasse, indem soziale Konzessionen zum
Ende der Autonomie der sozialen Organisationen im Lande führten.
Und das ist die Basis des brasilianischen Populismus und
Assistentialismus, womit dem Volk Konzessionen gemacht werden,
damit die Macht erhalten bleibt, nach dem Motto: „Auf die Ringe
verzichten, um die Finger zu erhalten“.
Hinzu
kommt die herrschende Sichtweise, dass bestimmte Verbrechen wie
Schmuggel und Korruption vorwiegend nicht als Problem betrachtet
werden, wenn das Ziel als gut und nachvollzierbar wahrgenommen
wird. Korrupte werden tendenziell eher als schlau denn als
Verbrecher betrachtet, was eng mit der Art und Weise zusammenhängt,
wie Korruptionsskandale dargestellt werden. Dies wird mehrmals als
Kultur des „jeitinho brasileiro“ (etwa die Geschicklichkeit
der Brasilianer, immer einen Ausweg zu finden)
bezeichnet. Nach Untersuchungen verurteilen Brasilianer
jedoch mehrheitlich die Korruption: 83% sagen, dass sie ihre
Stimme nicht verkaufen würden; zugleich geben jedoch 73% an, dass
ihre Mitbürger es tun würden, ein klares Zeichen dafür, dass
eine Wahrnehmung herrscht, dass die meisten Menschen im Lande
korrupt sind.
Auch
persönliche Rechtfertigungen haben eine besondere Bedeutung bei
der Auseinandersetzung über Korruption. Die Referenz an
Freundschaft wird als wichtiger betont als die politische
Verantwortung der Politiker. Es geht um Reziprozität, um das
Verständnis, dass Menschen
voneinander abhängig seien und deshalb einen besonderen Wert auf
loyales Vertrauen gelegt werden soll. Vertrauen wird als Zement
der persönlichen Beziehungen zusammen mit der Solidarität und
Hilfsbereitschaft gesehen, Werte, die oft für die Rechtfertigung
korrupter Handlungen missbraucht wurden. Staatliche Institutionen
werden dazu genutzt, persönlichen Schulden gerecht zu werden,
wobei gute Beziehungen als Vermittlungsinstrument dargestellt
werden, da sie mit Intimität, einem vertraulichen Umgang
miteinander, einem leichteren Zugang zu Menschen verbunden sind.
Korruption sowie das Leben sei ein ständiger Austausch zwischen
Menschen. Deshalb lohnen sich Investitionen in guten Beziehungen
zu Politikern und Ämtern, was seinen politischen Preis hat:
Wirtschaftliche Konzessionen werden gegen politische Konzessionen
getauscht und die Schwierigkeiten, um eine Begünstigung zu
erreichen, erhöhen deren politischen Preis.
Die
PT hat inzwischen einen hohen politischen Preis gezahlt. Es geht
dabei in erster Linie um Macht und Regierungsfähigkeit. Anstatt Bündnisse
einzugehen, um Sozialreformen durchzusetzen, ging die PT Bündnisse
um Macht ein. Das Mittel wird zum Ziel und die Pragmatiker
scheinen sich inzwischen durchgesetzt zu haben. Dies ist unserer
Meinung nach jedoch kein Verrat, denn es ist nicht so, dass Lula
oder die PT von der sogenannten Macht des Staates verändert
wurden, sondern eher umgekehrt: um Macht zu erreichen, um regieren
zu können, wird das Programm/Ziel aufgegeben. Diese Entwicklung
wurde seit Anfang der 90er Jahren allmählich zur politischen
Strategie der PT und fand ihren Höhepunkt nach dem Wahlerfolg
2002: Immer mehr wurden die Türen für Mitglieder geöffnet, die
keinen Bezug zur Parteitradition
hatten; Parlamentarier anderer Parteien wurden aufgenommen, die in
der PT bessere Wahlchancen für sich sahen; es wurden Direktwahlen
zum Vorstand durchgeführt, die die Bedeutung der parteiinternen
Debatten herabsetzten; Investitionen in Marketing und
Professionalisierung des Parteiapparats wurden massiv erhöht; und
nicht zuletzt wurden die Intensität der politischen Bildung und
der programmatischen Auseinandersetzung drastisch verringert (Pont,
2003).
Da
im Präsidialsystem ein Präsident mit einer Minderheitsregierung
sich tendenziell gezwungen sieht, Bündnisse mit anderen Parteien
einzugehen, um regieren zu können, stellen die politischen
Verhandlungen ein wichtiges Mittel für die Regierungsfähigkeit
dar. Und indem die Mehrheit der Parteien im Lande bereits im
Wahlkampf durch korrupte Handlungen ihre meisten Stimme erreicht,
um ihre Machtpositionen aufbauen zu können, ist es sehr
wahrscheinlich, dass politische Verhandlungen zwischen den
Parteien und Parlamentariern durch korrupte Handlungen begleitet
werden.
Dies
kann jedoch keineswegs als Rechtfertigung für die PT dienen, denn
in den meisten Situationen, in denen sie regierte, konnte sie
nicht mit Mehrheiten in Parlamenten rechnen. Die PT legte nicht
nur deshalb einen besonderen Wert auf die Mobilisierung der
Zivilgesellschaft, um wichtige Veränderungen zugunsten der
Mehrheit der Bevölkerung durchzusetzen, weil sie meistens mit
einer Minderheitsposition in Parlamenten konfrontiert war, sondern
weil sie davon ausging, dass die Macht als Gegenhegemonie in der
Gesellschaft zu erkämpfen ist, indem durch politische
Partizipation und Selbstorganisation ein höheres politisches
Bewusstsein der Bevölkerung erreicht werden kann.
Dies
ist die grundsätzliche Veränderung der PT unter der Regierung
Lula, die nicht bereit ist, auf partizipative Demokratie (nach dem
Vorbild des erfolgreichen Beteiligungshaushaltes) zu setzen,
sondern versucht, sich der Logik der korrupten parlamentarischen
Demokratie Brasiliens anzupassen und dahin tendiert, selbst zu
degenerieren. Für Brasilien bedeutet dies einen großen Rückschlag
in der Demokratisierung des Landes, denn die PT verkörperte
bisher als einzige große Programmpartei die große Hoffnung auf
Veränderungen, die demokratisch von unten durch wachsende
Sozialmobilisierung gestaltet werden könnten. Die zunehmende
Anpassung der PT an die historische autoritäre, populistische und
lobbyistische Tradition der brasilianischen Politik ist besonders
in dem Sinne zu bedauern, weil sie dadurch nicht nur ihre führende
Rolle als Hoffnungsträger in Brasilien aufgibt, sondern
entscheidend dazu beiträgt, dass Korruption noch stärker
naturalisiert wird und es stets schwieriger wird, effektive
Alternativen dagegen zu setzen.
Literatur:
Córdova,
Armando/Michelena, Hector Silva. Die
wirtschaftliche Struktur Lateinamerikas. Drei Strudien zur
politischen Ökonomie der Unterentwicklung.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971.
Córdova,
Armando. Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches
Wachstum. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973.
Marx,
Karl. Der Bürgerkrieg in Frankreich. MEW, Band 17. Berlin:
Dietz Verlag, 1971.
Pont,
Raul. Hoffnung für Brasilien. Beteiligungshaushalt und
Weltsozialforum in Porto Alegre. Entwicklung der PT und Lulas
Wahlsieg. Köln: Neuer ISP Verlag, 2003.
Smith,
Adam. Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker.
Band
I. Düsseldorf: Verlag Wirtschaft und Finanzen, 1990.
Die Bedingung des Schmarotzerdaseins der
Bourgeoisie nach Karl Marx (1971).
Brasilien steht übrigens dabei auf Platz 46 mit der Note
4.