por DIETER GAWORA

Dr. Dieter Gawora ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Soziologie der Entwicklungsländer

 

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Fehlpass am Zuckerhut

Warum Brasilien nicht Weltmeister werden kann

 

Vom Autor würde dieser Beitrag liebend gerne mit einer das Gegenteil aussagenden Überschrift geschrieben werden, womit ihm auch viel Ärger erspart bliebe. Aber dürfte er das? Die Grundlagen der dialektischen Analytik ermöglichen es, die Historie brasilianischer Erfolge und Misserfolge bei Fußballweltmeisterschaften zu erklären und gleichzeitig zukünftige fußballgeschichtliche Entwicklungen präzise zu beschreiben. Auf Basis der Erkenntnis, dass das gesellschaftliche Sein das fußballerische Bewusstsein bestimmt, muss dieser Artikel daher zur Vermeidung eines erneuten nationalen Traumas geschrieben werden.

Ohne eine solche Vorbereitung würde das brasilianische Volk erneut unvorbereitet in eine nationale Katastrophe schlittern, wie 1950, als der Uruguayer Ghiggia mit einem fulminanten Schuss ein bis heute nicht verarbeitetes brasilianisches Trauma verursachte oder wie 1998, als eine scheinbar paralysierte Seleção, mit einem auf dem Platz gespenstisch abwesenden Superstar Ronaldo, mit 0 zu 3 einen nationalemotionalen Ausnahmezustand auslöste. Äußerte sich 1950 die Niederlage in einer bis heute nicht aufgearbeiteten Trauer, löste die Niederlage 1998 eine nationale Wut aus, die sich aber gegen niemanden richten konnte, und für die selbst zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse, nach dutzenden von Ausschusssitzungen und zusammen fast 2000 Seiten Abschlussbericht, niemanden fanden, gegen den sich die Wut hätte richten können. Die Abgeordneten wurden monatelang von anderer parlamentarischer Arbeit abgehalten, die zugegebenermaßen weniger wichtig ist, als eine Niederlage der brasilianischen Seleção.

Das nationale Trauma 1950 und die richtungslose Wut 1998 wären vermeidbar gewesen, hätte jemand dem Volk vorher erklärt, dass Brasilien weder 1950 noch 1998 Weltmeister werden konnte. Es wurde unvorbereitet getroffen.

Der Autor, der sich Brasilien verbunden fühlt, muss daher die Nation auf das Unvermeidliche vorbereiten: Brasilien wird im Jahr 2006 nicht Fußballweltmeister!

Beim Schreiben dieser Zeilen spürt er an dieser Stelle geradezu körperlich, dass viele brasilianische Freunde aus Empörung aufhören möchten zu lesen. Er spürt aber genauso, dass sie in ihrem tiefsten Inneren genau diese Vermutung hegen: Man hätte es 1950, genauso wie 1998, wissen können. Aber welcher Ausländer maßt es sich an, so etwas Ungeheures zu behaupten und was könnte ihn überhaupt legitimieren, das Allerheiligste der brasilianischen Volksseele zu berühren?

Daher hier zunächst seine über jeden Zweifel erhabene Legitimation: Der Autor weiß, Pelé war nicht der größte Fußballer aller Zeiten! Dies war natürlich Garrincha!

Mit dieser unumstößlichen Wahrheit, die außerhalb Brasiliens kaum jemand versteht, ist der Autor als Eingeweihter in das tendenziell sakrale Wissen der brasilianischen Fußballseele ausgewiesen und zwingt damit seine brasilianischen Leser zur weiteren Lektüre.

Auch wenn ihm niemals vergönnt war, Garrincha in einem Stadion spielen zu sehen, sind die Schwärmereien älterer Freunde, insbesondere in Rio de Janeiro, aber auch an den Oberläufen der Nebenflüsse des Amazonas, Beweis genug: Ihre atemlosen Schilderungen seiner Dribblings aus purer Lebensfreude auf das eigene (!) Tor, mit dem geschickten Ausspielen der Mannschaftskameraden und der überraschenden Wendung vor dem eigenen Strafraum, dem anschließenden Lauf über den gesamten Platz, der die gegnerischen Spieler in bewundernder Verzweiflung stehen ließ, schließlich das Austricksen ihres Torwarts, um dann den Ball nicht im leeren Tor zu verwandeln, sondern solange zu warten, bis der Torwart seine Orientierung wiederfindet, um ihm erst jetzt den Ball durch dessen Beine ins Tor zu zwirbeln. Garrincha war der Größte!

Genug der Legitimation. Kommen wir zum Unvermeidlichen, um die Fußballnation vor einem erneuten Absturz in ein emotionales Schwarzes Loch zu bewahren, das ihr die gesamte Energie zu rauben droht.

16. Juli 1950, Maracanã. Dieses tragische Datum Brasiliens markiert in der siebzigjährigen Geschichte der Fußballweltmeisterschaften eines von zwei Spielen, in denen es nicht nur um Sieg oder Niederlage ging, sondern die über das Schicksal einer Nation entschieden. Das zweite nationalschicksalhafte Spiel ist natürlich das „Wunder von Bern“ 1954, als ein Aufsetzer Helmut Rahns nicht nur den ungarischen Torwart überwand, sondern dieser 4. Juli auch den 8. Mai als Stunde Null der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ersetzte. Das Wirtschaftswunder in Deutschland hätte ohne dieses Tor nicht stattgefunden und vielleicht wäre der ungarische Aufstand 1956 - wäre das Spiel wie von allen erwartet - ausgegangen ebenfalls anders verlaufen.

Wer würde dem widersprechen wollen? Und hier haben wir ihn, den unumstößlichen Zusammenhang zwischen Politik, Gesellschaft und Fußball. Und dieser ist beim fußballenthusiastischsten Volk des Planeten, den Brasilianern, natürlich am engsten.

Brasilien konnte 1950 nicht Weltmeister werden. Aber warum? Lassen wir zunächst so ein langweiliges Argument außer Acht, wie jenes, dass Uruguay ja durchaus im Vorfeld schon ein gleichwertiger Gegner gewesen war. Wenige Monate vor der Weltmeisterschaft waren die beiden Mannschaften dreimal aufeinander getroffen. Zweimal gewann Brasilien knapp und einmal Uruguay, ebenfalls knapp. Dieses reale Kräftegleichgewicht wurde durch eine der leichtesten Übungen der Brasilianer, der nationalkollektiven Verdrängung, aus dem Bewusstsein gestrichen. 1950 konnte, in der Wahrnehmung der Brasilianer, ihr Land und ihre Seleção nur die Größten sein, weil es 1950 das Land der Zukunft war. Schließlich war mit dem Maracanã auch das größte Stadion der Welt erbaut worden. Weniger als der Gewinn der Weltmeisterschaft war also gar nicht möglich. Ausgangspunkt dieser Selbstwahrnehmung war der politische Befreiungsschlag aus der Defensive 1945 gewesen, als die Diktatur abgeschafft und Diktator Vargas aus seinem Regierungspalast nach Hause geschickt worden war. Die Demokratie entwickelte sich und der politische Befreiungsschlag wurde von der Seleção im Mittelfeld aufgenommen und in einem bedingungslosen Offensivspiel von Sieg zu Sieg weitergeführt. Es schien nichts mehr schief gehen zu können.

Natürlich hielt sich Brasilien bereits für eine der größten Demokratien der Welt. Der politische Befreiungsschlag war gelungen, erste Wahlen hatten stattgefunden und die nächsten waren ausgeschrieben. Vergessen wir an dieser Stelle auch, dass die Wahlen kaum unabhängig waren. Es galt als Selbstverständlichkeit, dass die Stimmen der Landbevölkerung im Nordosten nur dem vom Großgrundbesitzer benannten Kandidaten – nicht selten er selbst – gegeben werden konnten. Jorge Amado hat uns dies in seinen Romanen aus Bahia vielfach erklärt. Solche kleinen, undemokratischen Foulspiele können getrost übergangen werden, da sie im defensiven Mittelfeld stattfanden und somit auf den Offensivgeist der Fußballkünstler der Seleção keinen Einfluss hatten. Brasilien als Land der Zukunft glaubte an den Sieg der Demokratie, die mit der Wahl 1950 endgültig gefestigt und mit dem Sieg bei der Weltmeisterschaft ihren Triumph erleben sollte. Es hätte so schön sein können, wenn es nicht diesen fatalen politischen Rückpass an den ehemaligen Diktator gegeben hätte, der den nun demokratischen Wahlsieg während der Weltmeisterschaft schon fast sicher hatte. Brasilien scheiterte 1950 nicht an einem unüberwindlichen Gegner, sondern an sich selbst. Hätte es eine andere politische Vorlage gegeben, hätte dies der demokratische Traumpass für die Seleção sein können, die ihn traumwandlerisch im Endspiel verwandelt hätte. Brasilien wäre Weltmeister geworden! So war die Niederlage im Endspiel nicht zu vermeiden, der politische Rückpass wurde gleichsam zum Fehlpass auf Ghiggia, der ihn im Netz hinter Barboso zum brasilianischen Trauma verwandelte.

Was folgte, waren Jahre des politischen Dahindümpelns mit pathetischen Reden und nur scheinbarer Fußballkunst, die folgerichtig im Spiel gegen Ungarn vollständig unterging, als diese beiden spielerischen Wundermannschaften der ersten Hälfte der 1950er-Jahre sich eine knochenharte Fußballschlacht lieferten und Brasilien im Halbfinale 1954 scheiterte.

Die Wahl Juscelino Kubitscheks 1956 zum Präsidenten und seine Omnipotenzvorstellungen für Brasilien, die zum Bau der architektonisch vielfach bewunderten neuen Hauptstadt Brasília führten, die in Wahrheit allerdings nicht mehr als eine Ballung von Plattenbauten zwischen einer Unzahl von Autobahnauf- und -abfahrten ist, ließ das Schlimmste für die Fußballkünstler befürchten, die diesen politischen Pressschlag als Abpraller hätte aufnehmen können, um im unansehnlichen Betonfußball zu erstarren.

Zum Glück trat das Gegenteil ein, die Gesellschaft spielte sich frei und die Seleção nahm nicht den politischen Abpraller auf, sondern Didi führte das geschickte Kurzpassspiel zwischen dem erstarkenden schwarzen Selbstbewusstsein und den Ligas Camponesas aus der Defensive weiter, das neue Freiräume im Mittelfeld geschaffen hatte, um auf Garrincha zu spielen, der die Inkarnation der Sozialen Bewegungen auf dem Fußballplatz war. Seine Pässe auf den noch jungen Pelé führten daher zwangsläufig zum Gewinn der ersten Weltmeisterschaft. Das Doppelpassspiel zwischen Sozialen Bewegungen und offensiver Fußballkunst funktionierte perfekt und brachte wie selbstverständlich den zweiten Weltmeisterschaftstitel, den Garrincha fast im Alleingang gewann und die politische Vorlage für João Goulart wurde, der als Spielführer das traditionelle politische Defensivspiel überwand und eine offensivere Aufstellung wagte. Den dritten Titelgewinn schien 1966 nichts mehr aufhalten zu können.

Die politische Blutgrätsche der Militärs verhinderte dies allerdings mit brutalem Foulspiel. Anstatt diesen mörderischen Spielverderbern international die Rote Karte zu zeigen, stand die Welt Schlange, um mit ihnen Geschäfte zu machen. Schlimmer noch, weder wurden sie vom Platz gestellt, noch wurden sie mit einer lebenslangen Sperre belegt, nein, ihr Putsch wurde zur Vorlage für die vielen ihm folgenden in Lateinamerika. In Brasilien wurden die Sozialen Bewegungen zerschlagen. Folgerichtig konnte 1966 keine geschlossene Mannschaft auf dem Platz stehen, sondern nur desorientierte Einzelakteure. Das Scheitern in der Vorrunde war damit schon vor der Weltmeisterschaft absehbar. Die Aufbruchstimmung der Sozialen Bewegungen in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren, deren fußballerischer Ausdruck Garrincha war, verschwand und der ihr folgende lange politischmoralische Niedergang spiegelte sich fußballerisch im jahrelangen persönlichen Verfall Garrinchas.

1970 waren die politischen Vorgaben so düster wie noch nie. Brasilien erlitt die härteste Zeit der Diktatur. Die Militärs hatten gar keinen Ball mehr im Spiel, die Spielregeln wurden von Gewehrläufen diktiert und Spielverstöße in der Folterkammer geahndet. Die Seleção konnte daher gar keinen politischen Ball aufnehmen, sondern drehte das Spiel um und spielte 1970 nicht für, sondern gegen die Diktatur. Und sie gewann das Endspiel verdient mit brasilianischer Fußballkunst. Dieser glanzvolle Sieg war gleichzeitig der noch zaghafte Anstoß für die sich in den 1970er-Jahren formierende Gewerkschaftsbewegung. 1970 gab nicht die Politik einen Pass zur Vollstreckung auf dem Fußballplatz, sondern der Fußball führte den Anstoß für die Gesellschaft aus, die in den folgenden Jahren mit neuen Bewegungen die Diktatur überwinden sollte. Dieser Anstoß kam Ende der 1970er-Jahre zum neuen politischen Spielgestalter Lula. Aber es sollte noch lange dauern, bis dieser den entscheidenden politischen Pass auf Ronaldo spielen konnte.

Die Seleção spielte in den folgenden Jahren ansehnlichen Fußball. Gleichzeitig entwickelten sich die Sozialen Bewegungen und 1989 wurde die Redemokratisierung mit den ersten direkten Präsidentschaftswahlen abgeschlossen. Collor de Melos war allerdings kein politischer Spielgestalter, sondern unverdientermaßen von der rechten Trainerbank und deren Sponsoren nominiert worden. Seine Ballbeherrschung war katastrophal und er schoss nicht nur den Ball, sondern sich selbst ins Seitenaus. Es erübrigt sich zu erklären, dass mit so einem politischen Dilettanten keine Weltmeisterschaft, die von 1990, zu gewinnen war. Erst 1994, als Cardoso, ein ehemaliger Linksaußen der Bewegungen in Brasilien, Präsident wurde, gelang ein Sieg. Aber was für einer. Der ehemalige brillante Theoretiker linker Spielgestaltung hatte seine Taktik auf den Kopf gestellt und war zum neoliberalen Statikspieler mutiert. Der Plano Real, mit dem er die Wahl gewann, spiegelte sich in der Spielweise der Seleção 1994. Auf dem Platz war Dunga der Ausdruck eines erstickten brasilianischen Spielwitzes, wie Cardoso im Palácio do Planalto der Ausdruck eines erstickten politischen Gestaltungswillen war. So konnten Wahlen gewonnen werden und auch die Weltmeisterschaft, nur freuen konnte sich in Brasilien niemand darüber.

1998 stand die Verteidigung des Titels an. Aber dieser Titel konnte nicht verteidigt werden. Die Gesellschaft hatte mit dem Erstarken der Sozialen Bewegungen alles richtig gemacht, es waren hervorragende Dribblings von der Landlosenbewegung (MST) gespielt worden und auch die städtischen Bewegungen zeigten ein gutes Spiel. Zudem hatten sie mit Lula einen hervorragenden Spielgestalter auf dem Platz. Aber so gut die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 1998 auch war, es war während des Turniers schon deutlich zu erkennen, dass die Bewegungen es nicht schaffen würden, das politische Spiel mit Lula zu gewinnen – und die Seleção nicht den Titel. So konsterniert, wie sie das Spiel gegen Frankreich verlor, so quälend gestaltete sich die zweite Amtszeit von Cardoso.

Und dann 2002. Die Bewegungen in Brasilien hatten zwischen 1998 und 2002 einen neuen Frühling erlebt. Sie kämpften, zeigten sich sehr geschlossen, machten alles richtig, nur konnten sie nicht mehr so recht daran glauben, dass ihr langsam alternder Spielgestalter es jemals noch schaffen könnte. Dieser fehlende Glaube spiegelte sich im merkwürdig verhaltenen Spiel während der Südamerika-Qualifikation wieder, an der man erstmals fast gescheitert wäre. Trotzdem, die Linke verschaffte sich eine gute Ausgangsposition für die Finalrunde und Lula behielt den Überblick, wie der alternde Pelé in der Vorbereitung der Weltmeisterschaft 1970. Und genauso souverän wie er damals die Mannschaft zum Titelgewinn führte, ging Lula als vom Volk getragener Sieger durch Ziel. Das erfrischende Offensivspiel der Gesellschaft hatte sich nahtlos auf die Spielweise der Seleção übertragen. Dieser Gewinn stand bereits vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels fest.

Alles deutete darauf hin, dass Lula mit solch einer breiten Bewegung im Rücken den langen Pass für die Weltmeisterschaft 2006 spielen würde. Aber er verstolperte schon im ersten Jahr seiner Amtszeit seine historischen Möglichkeiten. Er spielte Pässe auf die Landlosen, die diese zwangsläufig ins Abseits laufen ließ und die Freigabe des genmanipulierten Sojas ist nichts anderes als unerlaubtes Doping, das die Gesundheit der eigenen Spieler ruinieren wird, zugunsten eines mehr als umstrittenen kurzzeitigen Vorteils. Die PT benimmt sich heute an der Macht, wie ein vom Sponsor bestochener Trainer, der seinen Spielgestalter Lula immer prächtig in Szene setzen möchte und dafür auf exzellente Spieler aus den Sozialen Bewegungen verzichtet. Manchmal mit Tricks, die einem Foulspiel gegen die eigene Mannschaft gleichen.

Trotz exzellenter Spieler und einem trickreich aufspielendem Mannschaftskapitän wird es eine traurige Wahrheit werden: Mit so einer Taktik kann Brasilien die Weltmeisterschaft nicht gewinnen. Nach dem Frankfurter Viertelfinalspiel am 1. Juli wird die Seleção ihre Koffer packen müssen.

Dies ist leider die Wahrheit, auf die sich Brasilien vorbereiten muss, um nicht ein weiteres nationales Trauma schon zu Beginn eines neuen Jahrhunderts erleiden zu müssen. Es sei denn, Lula ändert doch noch im letzten Moment die Mannschaftsaufstellung und findet zurück zu einem erfrischenden gesellschaftlichen Offensivspiel.

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