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Die
Erdgasleitung Venezuela – Brasilien - Argentinien
Fragen
an das größte südamerikanische Investitionsprojekt der nächsten
Jahre
Ende
2005 wurden der südamerikanischen Integration neue Impulse durch
die Aufnahme Venezuelas in den Mercosur eingehaucht. Am Rande des
Treffens der Mercosur-Staaten in Montevideo beschlossen die drei Präsidenten
Chavez (Venezuela), Lula (Brasilien) und Kirchner (Argentinien) den
Bau der kontinentalen Erdgasleitung von Venezuela bis ins La Plata
Becken.
Es
hat den Anschein, als ob dieser 7000 bis 9000 km langen Pipeline,
mit einem geschätzten Investitionsvolumen von 20 Milliarden US$,
von den drei Präsidenten, die Funktion einer pulsierenden Aorta
eines zunehmenden lateinamerikanischen Selbstbewusstseins
zugeschrieben wird.
Ein
solches Energiegroßprojekt wirft aber, jenseits aller Symbolik, auf
allen Ebenen sehr viel mehr Fragen auf, als das es Antworten gibt.
Der
Transport des Erdgases und markwirtschaftliche Fragen
Für
den Transport von Venezuela nach Argentinien gibt es alternativ zur
Pipelinelösung die Möglichkeit das Erdgas in flüssiger Form per
Schiff zu transportieren. Hierzu muss das Erdgas in Verflüssigungsanlagen
auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt werden. Das Volumen des
Erdgases reduziert sich dabei auf 1/600. Dieses verflüssigte Erdgas
– im Fachjargon LNG (Liquified Natural Gas) – wird in
Spezialschiffen zu den Verbrauchermärkten transportiert. Dort wird
in Regasifizierungsanlagen das LNG in ein vorhandenes Pipelinenetz
eingespeist.
2005
gab es weltweit 15 Verflüssigungsanlagen (Hauptproduzentenland ist
Indonesien mit 18,8 % der Weltproduktion) und 47
Regasifizierungsanlagen (Hauptimporteur ist Japan mit ca. 47% des
Welthandels). Transportiert wird das LNG derzeit weltweit in 191
Tankern. Die einzige Verflüssigungsanlage Lateinamerikas befindet
sich im Nachbarland Venezuelas in Trinidad and Tobago, das derzeit
einen Welt-LNG-Marktanteil von 7,9% hat.
Der
Anteil von LNG am gesamten Welterdgasverbrauch ist steigend (1970
wurden 3 Milliarden m³ LNG gehandelt 2004 waren es 78 Milliarden m³),
Hauptsteigerungsraten sind derzeit in Europa zu verzeichnen. In
Deutschland ist eine Regasifizierungsanlage in Wilhelmshaven in
Planung. 2004 betrug der Anteil von LNG am Weltgashandel 26,2 % oder
anders formuliert, knapp drei Viertel des Erdgases wird via Pipeline
vermarktet und etwas mehr als ein Viertel als LNG.
In
der Erdgasbranche gilt als Faustregel, dass bei einer
Transportstrecke von über 3000 Kilometern der Transport als LNG günstiger
ist, als der Bau einer Erdgasleitung.
Im
Vergleich zur Pipelinegebundenheit besteht sowohl für Produzenten,
als auch für Verbraucher eine größere Flexibilität um auf
Produktions- bzw. Nachfrageschwankungen zu reagieren.
Die
geographischen Gegebenheiten des geplanten Erdgashandels zwischen
Venezuela und dem La Plata Becken wären für den LNG-Transport
günstig,
da sowohl die Produktion in Venezuela in Küstennähe stattfindet
und sich die Verbraucherzentren (mit Ausnahme von Brasília)
ebenfalls an der südamerikanischen Küste befinden.
Marktwirtschaftliche
Argumente sprächen sehr deutlich dafür, den LNG-Transport in
Betracht zu ziehen. Unverständlich ist, warum diese Möglichkeit
bei dem Vorhaben bisher keine Rolle zu spielen scheint.
Der
geplante Trassenverlauf
Am
2. März wurde eine Grobskizze des geplanten Trassenverlaufs
publiziert (news.bbc.co.uk), als Quelle der Skizze wird der
staatliche Erdölkonzern Brasiliens Petrobras genannt. Die folgende
Einschätzung bezieht sich insbesondere auf diesen ersten von der
Petrobras vorgelegten Plan, der noch nicht der endgültiger Plan der
drei Regierungen ist. Der Einfluss der Petrobras auf die konkrete
Projektplanung kann aber, zumindest für den brasilianischen Teil
der Pipeline, als beträchtlich gelten und die Auseinandersetzungen
mit den Vorstellungen der Petrobras kann kaum früh genug beginnen.
Soweit
dieser Skizze zu entnehmen ist, soll die Trasse von Puerto Ordaz
(Venezuela) entlang der Straße, die Venezuela mit Manaus verbindet,
bis etwa zur Stadt Caracari im Bundesstaat Roraima geführt werden.
Die folgenden etwa 2000 Kilometer von Caracari bis Marabá (Pará) wären
die problematischsten des gesamten Projektes. Sie beinhaltet nichts
weniger als eine neue ca. 1500 km lange Trasse durch vergleichsweise
intakte Regenwaldgebiete Amazoniens. Die Projektplaner hätten in
diesem Abschnitt erhebliche technische und logistische Probleme zu
lösen.
Sicher ist, dass dieser Abschnitt eine Vielzahl negativer sozialer
und ökologischer Auswirkungen haben wird. Der Gesamtabschnitt
gliedert sich in folgende Einzelabschnitte: den längste Abschnitt (ca.
1.200 km), von Caracarai (Roraima) nach Macapá (Amapá), mit einer
Stichleitung vermutlich nach Porto Tombetas, den technisch
schwierigste Abschnitt mit der Amazonasquerung und einer Trasse
entlang des Xingu bis zur Transamazônica (ca. 300 km) und schließlich
das letzte Teilstück entlang der Transamzônica bis nach Marabá
(Pará).
Von
Marabá aus sind Stichleitungen nach Belém und Fortaleza vorgesehen.
Die Hauptleitung führt weiter entlang der Straße Belém-Brasília
bis nach Brasília und von dort, unter Umgehung der brasilianischen
Zentren Belo Horizonte, Rio de Janeiro, São Paulo, Curitiba,
Florianopolis und Porto Alegre, durch das südwest- und südbrasilianische
Hinterland direkt nach Montevideo und Buenos Aires.
Die
Problematiken des nördlichen Abschnitts von Puerto Ordaz bis
Caracarai und der Weiterführung der Erdgasleitung von Marabá aus
nach Süden sollen hier nicht weiter betrachtet werden. Im folgenden
daher nur eine erste Auseinandersetzung mit der zentralen
Amazonastrasse.
Halbherzige
südamerikanische Integration
Das
erste Auffällige an der Trassenplanung von Puerto Ordaz nach Macapá
ist, entgegen aller südamerikanischen Integrationsrhetorik, der
augenfällige Ausschluss der drei Länder Guayana, Surinam und
Franz. Guayana. Diese Nicht-Integration ist ganz offensichtlich
politisch gewollt, allerdings von den drei Präsidenten nie begründet
worden. Dies ist umso weniger zu akzeptieren, da ein einfacher Blick
auf die Landkarte genügt, um festzustellen, dass eine Trasse von
Puerto Ordaz über Georgetown (Guayana), Paramaribo (Surinam) und
Cayenne (Franz. Guayana) bis nach Macapá erheblich weniger
problematisch wäre, als die nun vorgesehene Trasse. Von Georgetown
bis nach Macapá gibt es eine durchgängige Straßenverbindung (über
deren Zustand hier allerdings nichts ausgesagt werden kann) entlang
der Küste. Einzig zwischen der venezolanischen Grenze und dem Straßennetz
von Guayana wäre ein ca. 100km langes Teilstück ohne Straßenverbindung.
Die Ursache der infrastrukturellen Nicht-Verbindung der beiden
Nachbarstaaten liegt in den, seit 1840 erhobenen und bis heute
ungeklärten, territorialen Ansprüchen Venezuelas gegenüber
Guayana.
Nicht
nur, dass die Strecke über die drei Guayana-Länder weniger
Auswirkungen mit sich brächte, sie wäre auch noch etwas kürzer.
Soziale
und ökologische Auswirkungen
Von
Caracarai soll der südöstliche Teil des Bundesstaates Roraima und
anschließend der Norden des Bundesstaates Pará vollständig
durchkreuzt werden. Mit Ausnahme der Bauxitmine der MRN bei Porto
Trombetas, blieb dieser Teil des Bundesstaates Pará von
Entwicklungsprojekten bisher weitgehend verschont. Von der Trasse wäre
sehr wahrscheinlich das Indianergebiet der Trombetas/Mapuera
betroffen.
Für
den Bau der Erdgasleitung müsste eine neue Straße gebaut werden,
auf der das schwere Material transportiert werden könnte. Der
geplante Verlauf erinnert in Ansätzen an die in den 1980er und
1990er Jahren geplante Calha Norte.
Die
Folgen einer solchen ca. 1200 km langen Trasse können je nach
Folgenutzung unterschiedlich dramatisch ausfallen. Sicher wäre,
dass die Trasse während ihrer gesamten Betriebszeit von
tiefwurzelnden Bewuchs freigehalten werden muss. Beim Bau der
Urucu-Coari-Pipeline im Bundesstaat Amazonas wurde über der
Pipeline ein etwa 10 bis 15 Meter breiter Streifen mit Gras
bepflanzt, der regelmäßig von sich ausbreitender Spontanvegetation
gesäubert wird. Ein ca. 1200 km langer ca. 10 Meter breiter
Grasstreifen wäre allerdings nur die minimalste Auswirkung.
Wahrscheinlicher ist, dass die Trasse von Rinderzüchtern,
Sojaproduzenten, Sägewerken und vielleicht auch Neusiedlern als
neue Einfallschneise in den Amazonaswald genutzt werden wird. Nicht
ausgeschlossen werden kann, dass mit dem Bau der Pipeline auch
wieder die alten Pläne zum Bau der Calha Norte aus der Schublade
gezogen werden. Die Dimension der Folgewirkungen hinge von einer
Reihe von Faktoren ab und kann daher hier noch nicht quantifiziert
werden. Auf Grund der Dynamik, die Rinder-, Soja- und auch
Reisproduzenten in Roraima entwickelt haben, ist es realistisch mit
massiven Abholzungen in Folge eines solchen Pipelinebaus zu rechnen.
Für
den Bau selbst würden Tausende von Arbeitskräften direkt benötigt
und indirekt würden der Bau noch weit mehr Glücksritter anziehen.
Wo sich diese während der Bauphase mit Bars, Restaurants, Bordellen,
Fliegenden Händlern und sonstiger Infrastruktur ansiedeln werden,
kann jetzt noch nicht abgeschätzt werden. Die Erfahrung bei anderen
Großprojekten lehrt, dass der Bau der Pipeline, deren Bauzeit
mindestens zwei bis drei Jahre betragen würde, genau dies nach sich
ziehen wird. Diese Goldgräberstimmung wird die Sozialstruktur der
regionalen Bevölkerung - Indigene, Quilombolas und Ribeirinhos -
stark belasten. Ein deutlicher Anstieg der Alkohol- und
Drogenprobleme, Geschlechtskrankheiten und anderer
Infektionskrankheiten ist in der gesamten betroffenen Region zu
erwarten.
Der
Amazonas soll etwa auf der Höhe der Xingumündung gequert werden.
Dies ist die größte ingenieurtechnische Herausforderung der
gesamten geplanten Pipeline. Entlang des Xingu bis zur Transamzônica
führt die Trasse durch ein hochkonfliktives Gebiet. Sollte die
Trasse so geführt werden, kann als sicher gelten, dass in dieser ca.
100 km lange Teilabschnitt unmittelbar als Straße ausgebaut wird.
Die virulenten Landkonflikte, die Ausbreitung der Sklavenarbeit und
andere Konflikte, die sich zunehmend vom südlichen Pará in diese
Region verschieben, würden sich beschleunigen.
Aus
sozialer und ökologischer Sicht ist der Pipelinebau in dieser
Region daher kaum zu verantworten.
Manaus
wird abgehängt
Eine
scheinbare Ungereimtheit des Trassenverlaufs ist die Nicht-Berücksichtigung
von Manaus. Diese 1,3 Millionen Metropole soll nicht am
venezolanischen Gas partizipieren, obwohl diese Stadt der nächstgelegene
ernsthafte Markt für das Erdgas wäre. Der Weiterbau der Pipeline
von Caracari bis nach Manaus (ca. 500 km) entlang der bestehenden
asphaltierten Straße hätte vergleichsweise geringe Auswirkungen.
Gegen den Anschluss von Manaus dürfte sich aber vor allem der
staatliche Erdöl- und Erdgasmulti Petrobras stark machen, da zu
vermuten ist, dass das venezolanische Erdgas billiger in Manaus
angeboten werden kann, als das von der Petrobras aus dem Fördergebiet
Urucu im Westen des Bundesstaates Amazonas gelieferte. Die
Erdgaspipeline von Coari bis nach Manaus (ca. 400 km) zur
Belieferung von Manaus mit dem Urucu-Gas ist derzeit im Bau.
Das
Projekt sollte überdacht werden
Grundsätzlich
kann kaum ein Argument gegen verstärkte Erdgaslieferungen von
Venezuela an lateinamerikanische Länder gefunden werden. Der Bau
einer 7.000 bis 9.000 Kilometer langen Erdgasleitung wird aber
insbesondere in Amazonien große negative Auswirkungen haben, wie
schon die Betrachtung von nur einigen Aspekten des Projektes zeigt.
In der derzeit geplanten Form wird sich die Pipeline nicht zu einer
pulsierenden Lebensader Südamerikas entwickeln, sondern vielmehr
ist zu fürchten, dass dieses Energiegroßprojekt, zu den schon
bestehenden, einen weiteren Infektionsherd für Geschwüre, mit
allen hässlichen Konsequenzen, in Amazonien bilden wird. |