135
Jahre der Pariser Kommune: vom „Angriff auf den Himmel“ zur
Revolution um die Menschheit
Die
Pariser Kommune, die erste kommunistische Revolution der Geschichte,
wird 135 Jahre alt. Vom 18. März bis zum 28. Mai 1871 führten die
französischen Arbeiter die Stadt von Paris und hatten den Mut,
politische Maßnahmen umzusetzen, die sicherlich weiter ein Vorbild
und eine Herausforderung der weltweiten sozialistischen Bewegung
bleiben. Die Übernahme der Macht war jedoch eine Verteidigungsmaßnahme
eines Volkes, das von der bürgerlichen Regierung bedroht wurde,
Widerstand leistete und siegte. Wie Marx es beschrieb, handelte es
sich um einen „Angriff auf den Himmel“, denn die intensive
revolutionäre Kraft der Arbeiter kontrastierte mit ihrer schwachen
Analyse über die objektiven Bedingungen der neu entstandenen
Situation. Diese Erfahrung von nur 72 Tagen Dauer ist die wichtigste
Grundlage der politischen Reflexion des Marxismus gewesen, womit die
Pariser Arbeiter als „Avantgarde des modernen Proletariats“
anerkannt wurden. Um die Bedeutung dieser Erfahrung besser zu
verstehen, ist es wichtig, sich den zeitlichen Kontext, den
Klassenkampf, die Errungenschaften und die Lehren der Kommune zu
vergegenwärtigen. Dies ist das Ziel dieses Textes, der durch das
Zurückgehen in die Geschichte der Kommune gleichzeitig die dadurch
entstandenen marxistischen Referenzen
für den internationalen Klassenkampf skizzieren möchte.
Paris
war auch damals das Zentrum der französischen Regierungsmacht und
der größte Sammelpunkt der Arbeiter. Seit dem Staatsputsch von
1851, der Frankreich zur Herrschaft Napoleons führte,
war die Stadt ein Szenario vieler Schlachten mit vielen
Opfern. Die Periode war also durch Instabilität
gekennzeichnet und die Gefahr einer sozialen Revolution wurde
durch die großen Streiks zwischen 1867 und 1870 sehr deutlich.
Wegen der Kriegserklärung und der Niederlage gegen Preußen 1870
besetzte die Bevölkerung das Rathaus und forderte das Ende des
Regimes. Im September dieses Jahres wurde die Republik ausgerufen.
Die Regierung erklärte sich zur Regierung der nationalen
Verteidigung, womit der Patriotismus eingesetzt wurde, um die
Arbeiter zu betrügen. Mit dem Vorwärtskommen der preußischen
Truppen und die anschließende Pariser Kapitulation wurde als preußische
Bedingung die Armee entwaffnet und eine neue Regierung gewählt.
Die Nationalversammlung wählte dann Adolphe Thiers als
Regierungschef, der im Februar 1871 einen Friedenskompromiss mit
Preußen vorstellte und die Aufstände beenden wollte.
Die
Bewegung war alles andere als homogen. Außer den Arbeitern gehörten
dazu die auf eine
Wiederherstellung des Krieges gegen Preußen hoffenden
Patrioten, Teile des Kleinbürgertums, die ein Wiederauftreten der
Monarchie fürchtenden Republikaner und die Nationalgarde, die wegen
der ausländischen Bedingung die Armee ersetzte. Der Kontext 1871 in
Paris stellte zusammengefaßt folgende Elemente, die den Widerstand
gegen die Regierung stimulierten: a) Das Leiden der Bevölkerung
nach dem Krieg gegen Preußen; b) Die Arbeitslosigkeit der Arbeiter
und der Konkurs vieler Kleinhändler und Handwerker; c) Die Empörung
der Bevölkerung gegen die Behörden, die ständig ihre Inkompetenz
bewiesen; d) Die Unzufriedenheit der Arbeiter und der Drang nach
einem neuen Regime; e) Die reaktionäre Zusammensetzung der
Nationalversammlung.
Aus
Furcht vor einem allgemeinen Widerstand, verlegte Thiers die französischen
Regierung nach Versailles und forderte die Entwaffnung der Pariser
Nationalgarde mit dem Argument, dass sie Staatseigentum sei. Die
Regierung fing dann an, Paris zu provozieren und zu demütigen,
sogar den Mittelstand, was die Unzufriedenheit nur vergrößerte.
Die Nationalgarde und die Arbeiter wurden laufend diffamiert, in dem
es hieß, sie hätten die Waffen des Staates gestohlen und stünden
unter den Einfluß „unbekannter Chefs“.
Die
Entwaffnung der Nationalgarde war der erste Schritt zur Verschwörung
und zum Sturz der Republik. Deshalb schloß sich das Volk der
Nationalgarde an, die schon in einem Zentralkomitee organisiert war,
und entschied sich dafür, die Waffen nicht der Regierung zu übergeben,
da ihre Herstellungskosten doch von der Bevölkerung selber bezahlt
worden seien. Dementsprechend
beschloß Thiers, am 18. März in Paris zu marschieren. Aber das
Volk leistete Widerstand, siegte in der Schlacht und die Regierung
musste wieder nach Versailles zurückkehren. Es ist auch wichtig zu
betonen, dass im Gegensatz zu dem, was die bürgerlichen Medien in
der Geschichte über Revolutionen behaupten, in dieser Schlacht nur
drei Menschen starben: ein Soldat der Nationalgarde, der das
Warnsignal gab, und zwei Generäle auf Regierungsseite, die während
der Schlacht nach ihrer Kapitulation aus Rachsucht und überstürzt
von der Nationalgarde erschossen wurden.
Der
„Angriff auf den Himmel“ war also das Ergebnis zahlreicher
Widersprüche, die sich in Frankreich zeigten, in Zusammenhang mit
dem bewussten Handeln der Arbeiter, die während ihrer eigenen
Verteidigung die wichtigste revolutionäre Erfahrung der Arbeiter im
19. Jahrhundert machten. Die seit September 1870 andauernde
Revolution trat in eine neue Phase ein: Das war die Installation der
Kommune, sofort nachdem die Nationalgarde zu Wahlen aufgerufen hatte
und die Macht den Arbeitern zurückgab. 86 Delegierte wurden durch
das Volk in den Distrikten der Stadt gewählt und konnten zu jeder
Zeit abgesetzt werden. Die Kommune war jedoch keine Art von
Parlamentsorgan, sondern eine Arbeitsgruppe, die gleichzeitig Gesetz
gebende und Exekutivaufgaben hatte. Ihre Organisation sieht zehn
Kommissionen vor: Militär, Finanzen, Justiz, Sicherheit,
Arbeit, Ernährung, Industrie und Handel, Erziehung und öffentliche
Dienste, wobei die Vertreter jeder Kommission in einem für die
generelle Politik der Kommune verantwortlichen Exekutivkomitee
integriert wurden.
Die
wichtigsten von der Kommune durchgesetzten Maßnahmen, die wegen
ihres revolutionären Charakters hervorzuheben sind, sind folgende:
a) Ersetzung der Armee durch die allgemeine Bewaffnung des
Volkes; b) Trennung von Kirche und Staat; c) Volksbildung mit einem
rein weltlichen Charakter und Ende des Priesterunterhaltes durch den
Staat; d) Verbot der Nachtarbeit in den Bäckereien; e) Aufhebung
des Geldstrafensystems über die Arbeiterschaft; f) Dekret der Übergabe
des Besitzes von verlassenen oder stillgelegten Fabriken an
Arbeitergenossenschaften; g) Entlohnung der Verwaltungs- und
Regierungsbeamten orientiert am
normalen Arbeitslohn; h) Verkürzung der Arbeitszeit; i) Wahl der
Betriebsleiter direkt durch die Arbeitern; j) Ende der „Unabhängigkeit“
der Judikative und Unterwerfung aller ihrer Beamten unter
Wahlprozeduren, Verantwortung und Entlassungsmöglichkeit.
Die
Bourgeoisie versuchte die Kommune mit vorherigen kommunalen
Gesellschaften zu vergleichen und zu argumentieren, das Problem der
Arbeiter mit der Republik sei lediglich der Zentralismus und die
dadurch entstandene Bürokratie. Die Kommune machte trotzdem
deutlich, dass es nicht darum geht, den Staat zu verändern, sondern
die Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft zu beenden, wofür der
Staat nur die Vertretung sei. In diesem Sinne war die Kommune das
Instrument der Arbeiter zur Aufhebung des Privateigentums, das als
ökonomische Basis der Klassenbildung in der Gesellschaft gilt.
Das Ziel war die Emanzipation der Arbeit und nicht lediglich
die Festigung der Demokratie, obwohl die Kommune zahlreiche
demokratische Institutionen in der Republik einrichtete. Für Karl
Marx war die Kommune „wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse,
das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende
Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische
Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte“ (MARX, 1971: 342).
Aber
die Kommune unterlag und am 25. Mai 1871 fand ihre letzte
Versammlung statt. Die letzte Barrikade wurde am 28. Mai besiegt und
die Gegenrevolution bedeutet insgesamt 100.000
Arbeiter weniger in Frankreich, d.h. Tote, Gefangene,
Verbannte und zur Zwangsarbeit Deportierte. Während die Kommune
installiert wurde, bereitete Thiers die Gegenrevolution vor und
vereinigte sich mit Bismarck. Der vorherige preußische Gegner
befreite die politischen Kriegsgefangenen und hetzte die Truppen
gegen die Pariser Bevölkerung auf. Der Bürgerkrieg war also auch
als Alternative zur Beherrschung des Territoriums geplant.
Seit dem 20. Mai marschierten ungefähr 20.000 Soldaten in
Paris ein und drängten die Arbeiter und die Nationalgarde an die
Wand. Es blieb der Kommune noch übrig, ein Komitee der öffentlichen
Rettung zu gründen, das allgemein zu Bewaffnung, Barrikaden, Straßenkrieg
und Verbrennung der schon verlassenen Gebäude aufrief, um das
Fortschreiten des Gegners zu verhindern, dessen Strategie die
gleiche war.
Deshalb
wurde die Periode zwischen dem 21. und 28. Mai im Gedächtnis der
internationalen Arbeiterbewegung zur „Blutwoche“, eine der größten
Massaker in der Geschichte. In den Schlachten sind mehr als 4.000
Arbeiter getötet worden und mindestens 25.000 wurden in der
folgenden Woche hingerichtet. Auch die 40.000 öffentlich
bekanntgegebenen Verhaftungen und die circa 10.000 vor dem Prozeß
geflohenen Menschen gehören dazu, als Resultat einer Ausrottung,
die von der wütenden französischen Bourgeoisie gemeinsam mit den
Grundbesitzern unterstützt wurde.
Für
Marx und Lenin, deren Werken zu einem großen Teil auf der Erfahrung
der Pariser Kommune basierten, gab es zwei Fehler, die zum Sieg der
Bourgeoisie beitrugen: 1) Die Arbeiter haben die Revolution auf
halben Wege eingestellt, denn anstatt die Bourgeoisie zu enteignen,
versuchten sie, einen Gerichtshof aufzubauen und das Land im
national patriotischen Sinne zu vereinigen, was eigentlich der Idee
des Sozialismus widersprach; 2)
Statt dass die Arbeiter ihre Gegner militärisch ausschalteten,
ignorierten sie die Wichtigkeit des Militärs im Bürgerkrieg, so
dass sie nicht nach Versailles marschierten, als Thiers zurückkehrte,
was ihm Zeit zur Vorbereitung der Gegenrevolution ermöglichte.
Lenin
sieht die Wichtigkeit der Kommune grundsätzlich in drei Aspekten:
a) Sie agitierte die sozialistische Bewegung in ganz Europa; b) Sie
deckte die Kraft des Bürgerkrieges auf; c) Sie schloss die
patriotischen Illusionen und den Glauben an das nationale Streben
der Bourgeoisie im Klassenkampf aus. Für Marx wollte die Kommune
niemals die Unfehlbarkeit erreichen und ihr größter Beitrag sei
ihre Existenz und Wirkung gewesen. Außerdem betonte Marx noch zwei
Elemente: a) Es genügt den Arbeitern nicht, den Staat zu enteignen;
es ist nötig, die Logik des Staats zu zerbrechen, die innerlich
gegen die Emanzipation der Menschheit verstößt; b) Die nationalen
Regierungen sind eins gegenüber der Arbeiter und deshalb ist es so
wichtig, sich weltweit zu organisieren.
Trotz
der unglücklichen Bedingungen, unter denen die Kommune sich
entwickelte – Kapitalismus auf einer niedrigen Entwicklungsstufe
und geringer politischen Organisationsgrad der Arbeiter –
ist die Kommune in der Erinnerung der Arbeiterbewegung in den
meisten Ländern gegenwärtig, weil ihr Kampf nicht lediglich lokal
oder auf die nationale Ebene beschränkt wurde, sondern sie trägt
das Emanzipationssymbol der Unterdrückten der ganzen Welt. Als die
Pariser Arbeiter als Bewegung zur Verteidigung in einer
Kriegssituation begannen, haben sie fast spontan das begonnen, was
Marx als den einzigen gerechtfertigten Krieg der Geschichte
bezeichnete: den Krieg der Enteigneten gegen die Enteignenden.
Wegen
ihrer großartigen Erfahrung stimulierte die Pariser Kommuner viele
andere, wodurch die weltweite Organisation der Arbeiter qualitativ
und quantitativ weiterentwickelt wurde. Im Gegensatz zu dem was die
„Autoren der Barbarei” dachten, blieb die Kommune sehr lebendig,
denn sie lebt wieder in allen Arbeitern auf, die den Marktfetisch
und den Manipulationen widerstehen und sich bewusst
für die kollektive Emanzipation der Menschheit engagieren.
Die durch die Pariser Kommune gewonnene Dimension des
internationalen sozialistischen Kampfes beweist, dass die Zerstörung
der Arbeiterorganisation das wichtigste Problem der meisten
kapitalistischen Regierungen geworden ist. Aber wie Marx zu Recht
sagt, „um sie niederzustampfen, müßten die Regierungen vor allem
die Zwingherrschaft des Kapitals über die Arbeit niederstampfen –
also die Bedingung ihres eigenen Schmarotzerdaseins“ (MARX, 1971:
362).