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Por ANTÔNIO
INÁCIO ANDRIOLI
Doktorand der Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück.
Versão em português:
O Orçamento Participativo de Porto
Alegre: um exemplo para a Alemanha? |
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Der
Beteiligungshaushalt von Porto Alegre/Brasilien:
Ein
Beispiel für Deutschland?
Die direkte Demokratie
ist wieder weltweit Gegenstand der politischen Auseinandersetzung.
Die Enttäuschung und Empörung großer Teile der Bevölkerung gegenüber
den existierenden Formen repräsentativer Demokratie lassen über
politische Alternativen nachdenken, die nicht neu sind, dennoch neu
an Bedeutung gewinnen. In Europa kommt inzwischen die Idee des
Beteiligungshaushaltes von Porto Alegre als Beispiel zur Erweiterung
und Radikalisierung der Demokratie sehr gut an. Mit Bezug auf die
Erfahrung des Südens sind auch im „alten Kontinent“ Beispiele zu
nennen, die zeigen, dass auch wenn das Modell nicht übertragbar ist,
seine Grundprinzipien universell anwendbar sind. Gleichzeitig
tauchen aber auch bekannte Vorurteile gegenüber Formen direkter
Demokratie wieder auf: a) es sei nur in kleinen Kommunen möglich; b)
es sei zu langsam; c) man müsse auf technische Kriterien achten, mit
denen die jeweilige Bevölkerung nicht vertraut sei; d) es
widerspreche den Gesetzten und würde die Funktion des Parlaments
vermindern. Was kann man aus der Erfahrung von Porto Alegre lernen,
und welche Bedingungen sind erforderlich, um einen
Beteiligungshaushalt nach den Grundprinzipien von Porto Alegre auch
in Deutschland einführen zu können?
Porto
Alegre ist die Hauptstadt von Rio Grande do Sul - dem südlichsten
Bundesstaat Brasiliens – und hat etwa 1,4
Millionen Einwohner. Unter der militärischen Diktatur und
besonders während der 80er Jahre haben in der Stadt stark
organisierte soziale Bewegungen an politischer Bedeutung gewonnen,
wie die Bewohnerorganisationen in den ärmsten Stadtteilen. Dabei
waren der Einfluß und die Unterstützung des fortschrittlichen
Flügels der Katholischen Kirche sehr wichtig. Die
Bewohnerorganisationen hatten eine sehr schwierige Erfahrung mit der
populistischen Regierung der PDT (Zentrumspartei) mitgemacht, die
zunächst eine Einbeziehung der Bürgerorganisationen versprach, sie
schließlich aber nur für die anstehenden Wahlen instrumentalisierte
und danach vernachlässigte. 1988, im selben Jahr, in dem Brasilien
seine erste Verfassung nach der militärischen Diktatur
verabschiedete, kam es zum riesigen Erfolg der Arbeiterpartei PT im
Bündnis mit anderen linken Parteien in Porto Alegre. Die Hoffnung,
dass endlich der neue Bürgermeister Olívio Dutra den Weg in Richtung
partizipativer Demokratie öffnen würde, war sehr groß und traf
zusammen mit den Interessen der Regierung, in der viele Mitglieder
auch bei der Organisation und im Widerstand der Bevölkerung selbst
engagiert waren. Es waren also ideale Bedingungen vorhanden:
einerseits eine soziale Bewegung, die sehr stark mobilisiert war,
und anderseits eine neu gewählte Regierung, die sich für Erweiterung
der Demokratie stark machte.
Durch den
sogenannten Beteiligungshaushalt wurde die Millionenstadt in den
letzten 16 Jahren als ein Gegenmodell zu den neoliberalen
Politikmustern gesehen. Wesentliche Teile des Haushalts der Stadt
werden jährlich einem mehrmonatigen öffentlichen Diskussions- und
Entscheidungsprozess unterzogen, an dem die gesamte Bevölkerung
teilnimmt und über wichtige Investitionsprojekte entscheiden kann.
Standen 1988 wegen der hohen Stadtverschuldung lediglich 2% des
Haushaltes für Investitionen zur Verfügung, so waren es im Jahr 2003
20%, dessen Prioritäten direkt von der Bevölkerung bestimmt wurden,
deren Beteiligung zunehmend wuchs und zu einer Entwicklung des
politischen Bewusstseins führte. Die Bürger Porto Alegres haben sich
aber nicht darauf beschränkt, das zu verteilen, was die Unternehmer
bereit waren, ihnen an Steuern zu überlassen: sie haben die Steuern
aktiv dahin ausgedehnt, wo das Geld war und der verfügbare Etat
wurde allmählich erhöht ohne Schulden und ohne dass – wie ständig
angedroht wird – die Investoren der Stadt den Rücken kehrten. Porto
Alegre ist seit 10 Jahren die Hauptstadt Brasiliens mit der höchsten
Lebensqualität und die zweite brasilianische Stadt, die am meisten
Investitionen anzieht. Die internationale Ausstrahlung der
praktizierten direkten Demokratie hat unter anderen dazu geführt,
dass in Porto Alegre 2001, 2002, 2003 und 2005 das Weltsozialforum
veranstaltet wird – der Gegenpol zum Weltwirtschaftsforum der
Reichen in Davos und Sammelpunkt der globalisierungskritischen
Bewegungen weltweit.
Aber
verstößt das Modell nicht gegen die Gesetze? Und welche Funktion hat
dann noch das Parlament, wenn das Volk doch schon selbst bereit ist,
die Entscheidung über die öffentlichen Investitionen zu treffen?
Nach der brasilianischen Verfassung ist die Aufstellung des
Haushalts einer Stadt Aufgabe des Bürgermeisters, der dafür
zuständig ist, einen Entwurf dem Stadtrat vorzulegen, der
schließlich darüber abstimmt. Aber die Möglichkeit einer direkten
Beteiligung der Stadtbevölkerung ist auch vorgesehen, denn es steht
eindeutig in der Verfassung, dass die Gewalt vom Volk ausgeht und
deren Ausübung sowohl durch gewählte Vertreter als auch direkt
erfolgen kann. Ein Bürgermeister kann also die Entscheidung treffen,
statt allein mit den Fachkräften der Stadtverwaltung einen Entwurf
aufzustellen, die Verantwortung über die Aufstellung des
Haushaltsentwurfes direkt dem Volk zu übertragen und ihn danach dem
Stadtrat vorzulegen. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass die
Bevölkerung selbst in jedem Stadtbezirk über die Prioritäten der
Investitionen der Stadtverwaltung entscheidet.
Dieses
Vorgehen fördert die Organisation der Zivilgesellschaft und führt
zur Erhöhung des politischen Engagements der Bevölkerung. Auch wenn
die Entscheidungen über den Haushalt immer noch von der Abstimmung
des Stadtrats abhängen, stehen deren Mitglieder unter ständigen
Druck, dem Volkswillen zuzustimmen. Sollten sie dagegen verstoßen,
wäre ihre Wiederwahl gefährdet. Das Parlament wird dadurch nicht in
seiner Aufgabe behindert; die Bevölkerung erreicht aber ein weiteres
Mittel, um das Handeln der Politiker von unten zu kontrollieren, was
eigentlich nur zu einer Verbesserung des repräsentativen Modells
beitragen kann. Außerdem ermöglicht das partizipative Modell eine
Umkehrung der Investitionsprioritäten zugunsten der Mehrheit der
Bevölkerung, die meistens in den ärmsten Stadtvierteln wohnen und es
verhindert aufgrund seiner öffentlichen Transparenz die
Wahrscheinlichkeit zur Korruption, zwei Faktoren, die nicht nur in
Brasilien eine entscheidende Rolle spielen.
Nach der
bisherigen Erfahrung, wurden folgende Grundprinzipien am
Beteiligungshaushalt von Porto Alegre berücksichtigt: a) Autonomie,
in dem die Regeln des Verfahrens im gesamten Prozess selber
entstehen und verändert werden können; b) Objektivität, so dass
jeder, der freiwillig an den Diskussionen und Entscheidungen
teilnimmt, genau weiß, worum es geht; c) Transparenz, d.h. alle
Zahlen des Haushaltes werden der Bevölkerung ganz offen zur
Verfügung gestellt; d) Einhaltung der Entscheidungen des Volkes,
damit alle getroffenen Entscheidungen tatsächlich effektiv
durchgeführt werden. Es ist klar, dass dies eine große
Herausforderung für die Stadtverwaltung ist, denn technische
Fachkräfte müssen bereit sein, der Öffentlichkeit zu erklären, wie
eigentlich der Verwaltungsapparat funktioniert, besonders wenn viele
an der Diskussion Beteiligten über eine sehr geringe schulische
Ausbildung verfügen und vorher selten die Gelegenheit hatten, sich
mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Es ist jedoch
festgestellt worden, dass ein einfacher Bürger, der ein paar Jahre
am Beteiligungshaushalt teilgenommen hat, das durchschnittliche
politische Wissensniveau eines Stadtratsmitglieds erreicht. Es führt
eigentlich zu einem politischen Bewusstsein der Bevölkerung, die
nicht mehr von den Politikern erwartet, sondern selbst mitmacht und
es entsteht ein neues Verhältnis zwischen Staat und
Zivilgesellschaft, indem die Bevölkerung nicht mehr Investitionen
von Regierungen nach dem guten Willen der Gewählten bekommt, sondern
sie hat die Möglichkeit, an den Entscheidungen über die Verbesserung
ihres eigenen Lebens Anteil zu haben. In diesem Sinne ist der
Beteiligungshaushalt nicht eine Methode zu regieren, sondern er wird
zum Mittel einer Radikalisierung der Demokratie. Als konkrete
Ergebnisse des Modells können folgende Beispiele vorgezeigt werden:
a) 1990 (zu Beginn des Modells) verfügten ausschließlich 80% der
Bevölkerung über einen Trinkwasseranschluss während es 2002 98%
waren; b) das Abwassersystem stand 1989 für 46% der Bevölkerung zur
Verfügung während 1996 85% angeschlossen waren; c) die Anzahl von
Einschreibungen in Schulen wurde zwischen 1989 und 1999
verdreifacht; d) die Anzahl der Elendsviertel ist kontinuierlich
gesunken. Und der Haushalt ist gestiegen, die Stadt hat
keine Schulden mehr, eine gerechtere Steuerreform wurde durchgeführt
und das Potential der Stadt steigt, auch wenn sie weiter mit
riesigen Problemen zu tun hat, denn sie ist ja keine Insel. Aber es
wird deutlich, dass Investitionen mit öffentlichen Geldern besser,
effektiver und demokratischer durchgeführt werden können, wenn sie
sich auf eine lokale Basisorganisation stützen.
Aber wie funktioniert der gesamte Prozess eigentlich?
Dauert es nicht zu lange mit den ganzen Treffen und Diskussionen?
Nach dem aktuellen jährlichen Zyklus dauert das Ganze von März bis
Dezember eines Jahres und läuft erstaunlicherweise viel schneller
als das normale bürokratische Verfahren innerhalb und zwischen
Stadtverwaltung und Stadtrat. Es fängt mit den Vorbereitungstreffen
in März/April an, wenn die Bevölkerung in kleinen Gruppen über
mögliche Prioritäten nachdenkt. Danach kommt es zu den
Bezirksversammlungen, die im April/Mai stattfinden. Die Stadt wurde
in 16 Bezirken aufgeteilt, die auch der Organisation der
Zivilgesellschaft ungefähr entsprechen. In jedem Bezirk
sammeln sich die Bewohner bei der
Versammlung, in
der ein Rechenschaftsbericht der Stadt vorgestellt wird, und die
Delegierten und
Prioritäten jedes Bezirks
gewählt werden.
Aber auch thematische Foren wurden seit 1994 eingerichtet, nachdem
festgestellt wurde, dass manche lieber an themenorientierten und
stadtübergreifenden Diskussionen teilnehmen würden. Sechs
thematische Foren (Verkehr
und Transportwesen, Gesundheit und Soziales, Erziehung und Freizeit,
Stadtentwicklung und Stadtorganisation, Wirtschaftsentwicklung und
Steuerpolitik, und - seit 2000 - Kultur) finden im Mai/Juni statt.
Es ist auch eine Möglichkeit, die verfügbaren Fachkräfte einer Stadt
in ihrem Planungsprozess einzubeziehen und zu engagieren. Im Juli
ist die große Stadtversammlung, wo die Prioritäten der Stadtbezirke
vorgestellt werden. Die Delegierten analysieren die Prioritäten und
kontrollieren, ob folgende Kriterien zur Verteilung der Finanzmittel
eingehalten werden: a) Mangel an Infrastruktur im Stadtbezirk; b)
Gesamtbevölkerung des Stadtbezirks; c) Priorität des Stadtbezirks.
Im September wird der Haushaltsentwurf überarbeitet und bis Ende des
Monats muss er der Stadtverwaltung übergeben werden, die ihn dem
Stadtrat vorstellt. Der Stadtrat hat bis zum 30. November Zeit zur
Abstimmung und im Dezember wird der Investitionsplan des nächsten
Jahres überarbeitet mit Begleitung von Fachkräften der
Stadtverwaltung und eines Rates, der aus Delegierten besteht und
dafür sorgt, dass die Investitionen tatsächlich und effektiv
durchgeführt werden.
Die Erfahrung mit dem Beteiligungshaushalt hat längst
die üblichen Vorurteile gegenüber der Einführung und Kombination
direkter und repräsentativer Demokratie überwunden. Inzwischen sind
es schon ca. 200 Städte in Brasilien, die versuchen, auf kommunaler
Ebene einen Beteiligungshaushalt durchzuführen. Aber auch in anderen
Städten innerhalb Lateinamerikas wie in Montevideo, San Salvador und
Rosario sind Beispiele vorhanden, die sich auf die Grundprinzipen
Porto Alegres beziehen. In Europa gelten Barcelona, Córdoba und Rubi
in Spanien; Saint-Denis,
Morsang-sur-Orge
und
Bobigny in Frankreich; Pieve Emanuele in Italien; Palmela in
Portugal; Manchester in England und Mons in Belgien als die
erfolgreichsten Beispiele, die bisher zu erwähnen sind. Das
Argument, direkter Demokratie sei nur in kleinen Kommunen möglich,
wurde auch in Brasilien überwunden, als zwischen 1999 und 2002 ein
Beteiligungshaushalt im gesamten Bundesstaat Rio Grande do Sul (eine
Fläche von
282.184 Quadratkilometern)
durchgeführt wurde. Die damals von der PT geführte
Landesregierung war bereit, die südbrasilianische Bevölkerung direkt
an die Entscheidung über den verfügbaren Haushalt von etwa 13
Milliarden Reais (ungefähr 3,7 Milliarden Euro) zu beteiligen. Dafür
wurde der Bundesstaat in 22 Regionen eingeteilt, in denen insgesamt
333.040 Menschen in 775 Versammlungen beteiligt waren. Der größere
Umfang an Ressourcen und die breitere Zuständigkeit eines
Bundesstaates im Vergleich zu einer Kommune zeigten die Potentiale
einer Erweiterung der direkten Demokratie auf Landesebene und
ermöglichten die Teilnahme der Bevölkerung an den Entscheidungen
über Themen wie die Agrarreform, die Gesundheits- und
Erziehungspolitik, die Steuerreform, usw. eigentlich Bereiche, in
denen die Kommunen einen geringen Einfluß haben. Eine solche
Erfahrung könnte auch auf Bundesebene durchgeführt werden, gäbe es
ein erhöhtes politisches Interesse in der bisherigen auch von der PT
geführten Bundesregierung. Darin sind sich viele der PT sicher, die
innerhalb der Regierung Lula ständig auf diese Möglichkeit
hinweisen.
Und wie
sieht es damit in Deutschland aus? Abgesehen von der Erfahrung der
von der Bertelsmann Stiftung durchgeführten Experimente eines
sogenannten Bürgerhaushalts in Nordrhein-Westfalen, die eigentlich
von den Grundprinzipien Porto Alegres weit entfernt sind, fängt die
Auseinandersetzung zur Zeit richtig an. Die entscheidende Frage nach
den Bedingungen macht klar, dass für einen Beginn keine ideale
Ausgangssituation wie in Porto Alegre vorhanden ist. Dennoch haben
die vielfältige Experimenten weltweit gezeigt, dass eine zu dem
Thema mobilisierte Bevölkerung Regierungen zur Einführung eines
Beteiligungshaushalts fordern kann, und dass Regierungen, die bereit
sind, ein solches Modell durchzuführen, zu einer zunehmenden
Mobilisierung der Bevölkerung führen können. Die Bedingungen sind
also nicht nur vor der Einführung direkter Demokratie entscheidend,
sondern sie können durch den Prozess selbst eintreten und erweitert
werden. Der Beteiligunshaushalt ist auch keine Formel, die einfach
zu übertragen ist. Die bisherigen Erfahrungen haben dennoch gezeigt,
dass Grundprinzipien entwickelt wurden und das wichtigste bei dem
Ganzen ist vielleicht die Bereitschaft, kein Angst vor der
Demokratie zu haben, und die Dynamik einer zunehmenden Partizipation
der Bevölkerung zu erhalten, denn Partizipation hat nur einen Sinn,
wenn der Raum in dem sie stattfindet auch ständig verändert werden
kann. |
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