Gegen
den Hunger, ohne Gennahrung
Manche
Meinungsbildner behaupten, gentechnisch veränderten
Lebensmitteln kämen bei der Bekämpfung des Hungers
angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums und der
Notwendigkeit von Produktionssteigerungen in der Ernährung
eine entscheidende Rolle zu. Manche Sojaproduzenten
behaupten sogar, das Programm Fome Zero (Null Hunger) wäre
nur unter Einsatz genetisch manipulierter Lebensmittel
durchführbar. Aber birgt gentechnisch veränderte Soja
wirklich einen Nutzen und kann sie zum Kampf gegen den
Hunger beitragen? Welche Alternativen gäbe es, um den
Hunger in Brasilien und der Welt zu bekämpfen? Könnte das
von der Regierung Lula geschaffene Programm Fome
Zero ein Modell für andere Länder sein?
Hunger
ist ein soziales Problem, das aus der ungerechten Verteilung
des Reichtums entsteht, nicht aus dem Mangel an Nahrung. Die
Menschheit lebt in einer Situation der Überproduktion, in
der jedes Jahr das Eineinhalbfache ihres Gesamtbedarfs
produziert wird. In dieser Produktionsform sind die Kosten
der Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen als
Energiequelle nicht tragbar, und eine höhere Produktivität
ist keine Alternative im Kampf gegen den Hunger. Dasselbe
Argument wurde anlässlich der Einführung chemischer Schädlingsbekämpfungsmittel
von den multinationalen Chemiekonzerne vorgebracht, und
heute sehen wir, dass der Hunger mit ihrer
Anwendung in der Landwirtschaft zugenommen und nicht
abgenommen hat.
Im
Bereich der Genforschung widmen sich nur 2% der weltweiten
Projekte zur genetischen Veränderung der Produktivitätssteigerung,
74% dagegen dienen der Entwicklung von herbizidresistenten
Pflanzen und 19% der Insektentoleranz. In Ländern, in denen
schon seit längerem genetisch veränderte Pflanzen angebaut
werden, sind die Produktionskosten und die Abhängigkeit der
Landwirte gestiegen. Dadurch wird Landwirtschaft in
Familienbetrieben unmöglich ‑ die in Brasilien die
Mehrheit in der Nahrungsmittelproduktion ausmachen ‑,
die Landflucht und die Konzentration des Landbesitzes werden
verstärkt. Da ein bedeutender Teil der Armut besonders auf
dem Land herrscht, führt dies zu einer Zunahme des Hungers.
Kleinbauern können mit gentechnisch veränderter Soja nur
verlieren, das räumen sogar deren Verteidiger ein.
Monokultur ist nur auf großen Flächen durchführbar, sie
senkt die Preise und erfordert zugleich hohe Investitionen
‑ wodurch sich teilweise die Insolvenzen und die
Landflucht erklären. Mit genetisch veränderten Pflanzen
verschlimmert sich die Situation noch, denn die
Landwirtschaft im Familienbetrieb stützt sich hauptsächlich
auf die zur Verfügung stehende Arbeitskraft, die beim Anbau
gentechnisch veränderter Produkte an Bedeutung verliert.
Die Alternative für diese Familien liegt im ökologischen
Anbau unter Einsatz angemessener Technologien. Doch können
ökologische und gentechnische Landwirtschaft nicht
nebeneinander existieren, und daher leiden die Kleinbauern
nochmals unter der Einführung gentechnisch veränderter
Pflanzen.
Hunger
ist in letzter Konsequenz eine Folge der Konzentration der
Produktionsmittel, die die Einkommensverteilung verhindert.
Wie gesagt fehlt es nicht an Nahrung, sondern am Zugang der
armen Bevölkerung zur vorhandenen Nahrung. Eine Lösung des
Problems erfordert die Aufteilung der Produktionsmittel,
welche für das Land aufgrund seines Produktionspotentials
von strategischer Bedeutung ist. In Brasilien stellt eine
tief greifende und substanzielle Agrarreform in Verbindung
mit einer Stärkung der Familienlandwirtschaft einen Pfeiler
für ein anderes Entwicklungsmodell dar, das Millionen
ausgeschlossenen Menschen die Möglichkeit gibt, zu
produzieren und sich zu ernähren.
Diese
Frage erfordert ein entschlossenes Handeln des Staates und
sein Bekenntnis zur nationalen Souveränität in der Ernährungspolitik.
Mittel für Kredite, technische Hilfe, den Aufbau kleiner
Landwirtschaftsbetriebe und direkter Vertriebsnetze sind von
grundlegender Bedeutung.
Sie verringern die Abhängigkeit der Bauern von den großen
multinationalen Landwirtschaftsunternehmen und ihrer
Technologie. Die Einrichtung neuer Vertriebswege und die
Wiederaufnahme einer Politik der Nahrungsreserven seitens
der Regierungen sind entscheidend, um den gegenwärtig
ausgeschlossenen potentiellen Konsumenten die
Nahrungsmittelproduktion zugänglich zu machen. Außerdem
sind politische Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen
und die Erhöhung des Einkommens in den Städten, die
Unterstützung von Arbeiterinitiativen und die Ausweitung
und Stärkung der Solidarwirtschaft wichtige Strategien für
die gesellschaftliche Integration.
Doch
es ist klar, dass zunächst auch unmittelbar wirksame Maßnahmen
notwendig sind. In dieser Hinsicht erfüllen die Fonds für
den Kampf gegen den Hunger eine wesentliche, strukturierende
Rolle. Das gleich zu Beginn der Amtszeit von Präsident Lula
vorgestellte Programm Fome Zero ist ein konkreter Schritt,
der die Tragweite des Hungers verdeutlicht und dadurch die
Notwendigkeit eines neuen Entwicklungsprojekts für
Brasilien aufzeigt. Das Programm geht in seiner ersten Phase
direkt gegen den Hunger vor, um auf dieser Grundlage in der
zweiten Phase ein Paket politischer Maßnahmen umzusetzen,
das die ‑ für die soziale Ungleichheit im Land
verantwortliche Struktur ‑ wirklich verändern kann.
In
seiner ersten Phase mindert das Programm gegenwärtig den
Hunger von Millionen Familien. Doch es läuft Gefahr, zu
einer Art Hilfspolitik zu werden. Fome Zero
und die Landreform, die beide von der Regierung als
Prioritäten ausgerufen werden, stehen gegen ihre makro‑ökonomische
Politik, die auf der Steigerung des primären Bilanzüberschusses
und den Zinszahlungen ruht. Daraus folgt ein drastischer Rückgang
der Mittel für soziale Programme. Einerseits muss die
aktuelle Wirtschaftspolitik sich ändern, um die sozialen
Vorhaben der Regierung voran zu bringen, anderseits muss
auch Fome Zero soziale Maßnahmen in derselbe Perspektive
integrieren und zugleich die Zivilgesellschaft massiv
mobilisieren. Der Aufbau und die Methoden des Programms können
anderen Ländern in ähnlicher Lage als Beispiel dienen,
doch müssen die Widersprüche überwunden werden, die im
Innern der Regierung zu seiner Isolierung und dem wachsenden
Unglauben führen, dass es ein wirksames Mittel im Kampf
gegen den Hunger sein könne.