Die Ideologie der "Rückständigkeit"

 

Por ANTONIO INÁCIO ANDRIOLI
Doutorando em Ciências Sociais na Universidade de
Osnabrück - Alemanha


Manifestação: Fórum Social Mundial de 2002*

Die Vertreter des Einheitsdenkens, die über Zugang zu den großen Medien verfügen, setzen eine einheitliche ideologische Offensive in Gang, die alle auf der Kritik des Liberalismus basierenden Theorien in Mißkredit bringen will. Der Höhepunkt dieses Phänomens wurde besonders durch die Äußerungen in konservativen Medien über das Weltsozialforum in Porto Alegre deutlich. Angesichts des Auftauchens einer weltweiten Bewegung der Kritik am Neoliberalismus haben die Vertreter des Kapitalismus sich sofort geäußert, die theoretische Grundlage ihrer Gegner sei ein „Kult der Rückständigkeit“.  Also, anstatt mit Argumenten für ihre Position zu plädieren, machen sie das Gegenteil: Sie disqualifizieren die des anderen und versuchen sie so in der Debatte zu entkräften.

Das ist eine typische Haltung des Totalitarismus, der nicht die Möglichkeit eines anderen oder widersprüchlichen Gedankens innerhalb der Gesellschaft akzeptiert. Das wurde von den konservativen Medien ausgesprochen, als sie die Organisation des Weltsozialforums als „marxistisches Kommando“ bezeichneten. Wenn die Voraussetzung dieser Medien der Pluralismus an  Ideen wäre, warum sollte der Marxismus nicht angenommen werden? Was ist neu daran, dass auch marxistische Theorien bei einem Treffen der internationalen Linken vertreten werden? Warum kritisieren sie nicht das „liberale Kommando“ des Weltwirtschaftsforums, das schon seit 30 Jahren statt findet? Die Erklärung dafür ist, dass der Marxismus eine Art von „Rückständigkeit“ darstelle. Aber kann eine Theorie verachtet werden, weil sie als „rückständig“ bezeichnet wird?   

Zunächst kann man fragen, wie es möglich wäre, zu messen, inwieweit eine Theorie „rückständiger“ oder „vorwärts strebender“ als eine andere ist? Zweitens: Was führt dazu, dass jemand so einfach glaubt, „was danach kommt ist besser“? Drittens: Auch wenn man die Idee des „je neuer desto besser“ annehmen würde, was ist eigentlich jünger: Der Liberalismus oder dessen Widerlegung?  

Viele Ideen, die die heutige Menschheit in Bewegung bringen, sind sehr alt und obwohl viele den Ursprung der von ihnen verteidigten Ideen gar nicht kennen, bleibt deren Inhalt sehr lebendig unter uns. Es ist wahrscheinlich, dass Ideen nicht “aussterben”, denn es genügt, dass man sie wiederholt, um sie wieder ins Leben zu rufen. Das ist in der Geschichte bewiesen und zeigt, dass es sehr gefährlich ist, das Alte mit dem Bösen zu identifizieren. Es gibt keinen vernünftigen Maßstab, um zu beweisen, dass die Menschheit unbedingt in einer “guten” oder “wahrhaften” Richtung geht. Die Geschichte zeigt, dass die Menschheit sowohl       

vorwärts als auch rückwärts gehen kann; die Vergangenheit kann besser als die Gegenwart gewesen sein; die Zukunft kann schlechter werden als die Gegenwart und die Vergangenheit; denn wir können nicht die Zukunft bestimmen, wie die Vertreter des Einheitsdenkens der Medien uns weismachen möchten. Oder war der Nationalsozialismus besser als die attische Demokratie nur weil er später gekommen ist?

Jedoch betrachten wir mal das Argument der “bösen Vergangenheit”. Auf welche Vergangenheit bezieht es sich? Auf den Marxismus. Und nach dem Kriterium der Zeit, was wurde zuerst bekannt: der Liberalismus oder der Marxismus? Die Antwort findet man in der Geschichte: den Liberalismus. Wenn man den Anfang des Liberalismus mit John Locke identifiziert, muss man berücksichtigen, dass seine Werke im 17. Jahrhundert entwickelt wurden, und die Französische Revolution, die die liberalen Ideale konsolidierte, fand 1789 statt. Der Marxismus ist erst viel später aufgekommen, denn Karl Marx wurde 1818 geboren, sein Hauptwerk Das Kapital wurde 1867 publiziert, die Pariser Kommune -  die erste vom Marxismus inspirierte Erfahrung – begann 1871 und alle anderen sozialistischen Versuche stammen aus dem 20. Jahrhundert. Also, der Marxismus ist viel jünger im Vergleich zum Liberalismus und wenn man sich auf das von den Liberalen propagierten Argument der vermuteten „Rückständigkeit“ bezieht, sind die „Rückständigen“ sie selbst.      

Es ist klar, dass die Interessen, die hinter den Behauptungen der Medien stecken, die Bedingungen jeder ernsthaften Debatte zerstören, denn die Theorien gelten in diesem Fall nicht mehr als ein Instrument zugunsten eines Systems der Warenproduktion, das sie stützt und von ihnen eine Rechtfertigung verlangt. Die Informationen werden als Grundlage der Ideologie angesehen und dafür werden Überzeugungsmittel eingesetzt, die fruchtbares Gelände im Konsens des Volkes finden. Für diese Aufgabe gibt es einige, die bereit sind, Ideen zu formulieren, wie verwirrt und ungenau sie auch sind, denn ihre Gültigkeit ist nicht so wichtig wie ihre Wirkung oder Folge.

Jedoch, trotz dem von den Medien durchgeführten Demoralisierungsversuch, ist die Bewegung einer Widerlegung des weltweiten Liberalismus in Gang gesetzt worden und die Liberalen müssen die Existenz des Weltsozialforums anerkennen, denn seine Dimensionen sind so breit geworden, dass es nicht mehr ignoriert werden kann. Wenn in den zahlreichen Workshops, die gleichzeitig abgehalten werden, die Anwesenheit der Marxisten die Liberalen stört, wird möglicherweise dadurch eine widersprüchliche Bewegung zu Stande gebracht, die ein neues Kräfteverhältnis in der Welt fördern kann. Die „Diktatur des Marktes“ versucht auf alle Kosten, diese Möglichkeit zu verhindern, fängt aber schon an, die Früchte ihrer Delegitimierung zu ernten, besonders in Brasilien.          

Die Karikatur der „Rückständigkeit“ scheint nicht genügt zu haben, um die Zunahme der Globalisierungskritiker zu stoppen. Nur im Europäischen Sozialforum, in Florenz, sind 500.000 Menschen zusammen gekommen. Das dritte Weltsozialforum in Porto Alegre verspricht, das größte Treffen der Linken in der Geschichte zu werden. Es sind Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen, Glaubensrichtungen und Institutionen, die die Utopie des Aufbaus einer wie von Marx im Kommunistischen Manifest beschriebenen Einheit zwischen Arbeitern aller Welt wachhalten. Es kann sein, dass es sich um eine Theorie einer „anderen möglichen Zukunft“ handelt, und vorsorglich haben die Rechten sie sofort als „rückständig“ etikettiert.


ANTONIO INÁCIO ANDRIOLI

     

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* Foto: Antonio Ozaí da Silva

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