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Por
ANTONIO INÁCIO ANDRIOLI
Doutorando em Ciências Sociais na Universidade de Osnabrück -
Alemanha
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Endlich hat die PT (Partido dos Trabalhadores - Arbeiterpartei)
es geschafft: Nach einem grandiosen Wahlsieg ist sie führende Partei
in der brasilianischen Bundesregierung. Nach drei vergeblichen Anläufen
– 1989 gegen Fernando Collor de Melo, 1994 und 1998 gegen Fernando
Henrique Cardoso – ist Luiz Inácio Lula
da Silva der neue Präsident und Hoffnungsträger Brasiliens. Der
frühere Gewerkschaftsführer wurde in der Stichwahl am 27.10.02 von
über 52 Millionen BrasilianerInnen (über 61%) gewählt. Noch nie
hat eine linke Partei so viele Stimmen erzielt und dies in einem
Land, wo die Kluft zwischen Arm und Reich die größte der Welt ist.
Es handelt sich um einen historischen Einschnitt von internationalen
Auswirkungen, insbesondere in Lateinamerika. Die Freude über den
Sieg Lulas und die enorme Stärkung der PT-Fraktion im Bundesparlament
wird allerdings deutlich getrübt durch den Verlust der Landesregierung
in Rio Grande do Sul aber auch in Amapá. Bereits in der ersten Runde, konnte Acre und
Piauí gewonnen werden. In der zweiten Runde, konnte Mato Grosso
do Sul behauptet werden. Nur knapp verlor die PT in Ceará und im
Bundesdistrikt Brasilia. Dennoch: Die Mehrheit der BrasilianerInnen
will eine einschneidende politische und gesellschaftliche Wende.
Sie glaubt nicht mehr an die Versprechen der Rechten, die sich als
unfähig erwiesen haben, die enormen Ressourcen des großen, komplexen
und kontrastreichen Landes und sein wirtschaftliches Potential zum
Wohl aller anstatt nur zum Vorteil weniger Privilegierter einzusetzen.
Der Politisierungsgrad in Brasilien ist hoch, und das nicht von ungefähr.
Zahlreiche soziale Bewegungen gibt es im ganzen Land. Sie reichen
von Gewerkschaften wie der CUT, die gegen Überausbeutung, mangelhafte
soziale Sicherungen und nur geringe Rechte kämpfen, über die Bewegung
der Landlosen (MST), die mit Besetzungsaktionen und Ansiedlungsprojekten
große Sympathien in der Bevölkerung, aber den Haß der Großgrundbesitzer
auf sich gezogen hat; die Bewegungen der Kleinbauern, der Obdachlosen,
der Arbeitslosen, der Schwarzen und Frauen gegen Diskriminierung
bis hin zur Bewegung gegen die amerikanische Freihandelszone unter
Führung der USA, die unlängst noch ein selbständiges Referendum
durchgeführt hatte, in dem sich 10 Mio. BrasilianerInnen gegen diese
Form des neoliberalen Kolonialismus ausgesprochen hatten.
Die PT entstand am Ende der siebziger Jahre – die Militärdiktatur befand
sich schon im Niedergang - und wurde in dem obigen Kontext allmählich
immer stärker. Es war ein harter und steiniger Weg, sich als linke
Partei zu entwickeln in einer Zeit, in der der Sozialismus weltweit
diskreditiert wurde und neoliberale Regierungen sich als einzige
politische Alternative darstellten. Mächtige Gruppen, welche die
Wirtschaft, die Medien und den gesamten Staatsapparat kontrollieren,
versuchten mit allen Mitteln, die PT in Mißkredit zu bringen. Trotzdem
erzielte die PT Erfolg über Erfolg. Sie gilt als einzige Programmpartei
Brasiliens und stammt aus der Selbstorganisation der ArbeiterInnen.
Deshalb hat die Partei auch stets dafür gesorgt, ein Gleichgewicht
zwischen der Teilnahme an Regierungen und den sozialen Bewegungen
zu schaffen. Man glaubte daran, daß eine sozialistische Partei gleichzeitig
den Staat als Unterdrückungsapparat abschaffen und die Organisation
der Zivilgesellschaft fördern müsse. Seit die PT zunächst auf kommunaler
und schließlich auf der Ebene der Bundesländer die ersten Wahlen
gewann und mit der Umsetzung ihres Programms begann, wurde sie in
den letzten 20 Jahren weltweit als linke Kraft bekannt, die dem
Ansturm des Neoliberalismus widerstand und konkrete Alternativen
entwickelte. Andererseits mußte sie zwischenzeitlich auch Rückschläge
hinnehmen wie den Verlust der Präfektur in der Mega-Stadt São Paulo
oder der Landesregierungen von Espirito Santo und Brasília-DF, weil
sie den immensen Herausforderungen nicht gewachsen war oder schwere
politische Fehler begangen wurden.
Hinter dem Sieg der PT und der brasilianischen Linken insgesamt liegt ein
sehr schwieriger Wahlkampf. Die Gegner des bürgerlichen Lagers schickten
zunächst verschiedene KandidatInnen ins Rennen. Es gelang ihnen
diesmal nicht, sich bereits im ersten Wahlgang auf eine Einheitskandidatur
zu verständigen. Die altbekannten Kritikpunkte an Lula, "fehlende
Verwaltungserfahrung", "keine
Hochschulausbildung", seine Identifizierung als Führer
einer Radikalisierung in Brasilien, verfehlten diesmal ihre Wirkung. Im aktuellen Kontext Brasiliens, wo die Unzufriedenheit
gleichzeitig mit Verarmung und Verschuldung zunahm, und dies unter
einem Intellektuellen und Akademiker wie dem Präsidenten Cardoso,
fanden die Eliten keine „Wunderalternative“ mehr, um einem ihrer
Kandidaten Glaubwürdigkeit und Attraktivität zu verleihen. Es wurde
versucht, eine Regierung Lula als Abstieg in wirtschaftliches und
gesellschaftliches Chaos an die Wand zu malen.
Vertreter des Weltwährungsfonds und mächtige Geldanleger
wie George Soros stiessen Drohungen aus und machten Lula für die
anhaltende Entwertung der Landeswährung Real verantwortlich. Brasilien
unter Lula werde in eine noch schlimmere Krise als das Nachbarland
Argentinien abrutschen. Andererseits kamen auch die Gegenkandidaten
nicht umhin, die desaströsen Folgen des neoliberalen Kurses unter
Cardoso zu kritisieren. Doch die Manöver der Rechten und der internationalen
Finanzwelt waren diesmal vergeblich. Lula wäre fast schon im ersten
Wahlgang am 6. Oktober gewählt worden. In der Stichwahl trat der
Gesundheitsminister José Serra als Vertreter der Regierung Cardoso
und letzte - und vergebliche - Hoffnung der Eliten gegen Lula an.
Doch in dem Maße, wie Lulas Sieg nicht mehr aufzuhalten war, verstärkte
sich eine bereits vor den Wahlen zu beobachtende Tendenz: Teile
der Eliten versuchten eine
Annäherung. Lula habe sich geändert und die PT werde überhaupt nichts
ändern. Nicht nur, weil die Marktmechanismen es nicht erlaubten,
sondern auch, weil er und die Arbeiterpartei sich inzwischen angepasst
hätten. Eigene Äußerungen Lulas, die weltweite Beachtung fanden,
scheinen ihre Ansicht zu bestätigen.
Aber in der PT hat sich tatsächlich vieles verändert. Verschiedene innerparteiliche
Strömungen, die enorm an Bedeutung gewonnen haben, sind so verschieden geworden, dass es
den Anschein hat, als gäbe es keine gemeinsame PT mehr. Strömungen,
die auf den Führungsebenen die stärkste Position innehaben, treten
strategisch für ein "nationales" Projekt für die
"gesamte" Bevölkerung ein. Deshalb
ist die Arbeiterpartei nicht mehr so einfach Vertreterin der Arbeiter
und der unteren Volksklassen, sondern sie sucht Alternativen, um
"ein Brasilien für alle" zu schaffen.
Nach diesem Projekt scheint es so, als würde alles unter
einen Hut passen, auch wenn die Interessen sehr widersprüchlich
sind. Auf der einen Seite soll z.B. das Land weiter die Auslandschulden
bezahlen und den Spekulanten die Angst nehmen, auf der anderen Seite
soll mehr in Sozialprogramme investiert und mehr soziale Gerechtigkeit
erreicht werden.
Mit den Zielen der PT in den achtziger Jahren, als Partei des demokratischen
Sozialismus, hat das nur noch wenig zu tun. Der PT-Mehrheit ging
es darum, um jeden Preis an die Macht zu kommen und von da aus die
politische Hegemonie zu sichern. Dafür ging man sogar Bündnisse
mit rechten Parteien ein, wie der Partido Liberal (PL), führte einen
angepassten Diskurs und verzichtete auf traditionelle Programmbestandteile.
Mit dieser Konzeption wurde die PT sogar von großen Unternehmern
unterstützt und einer von ihnen ist der Chef eines Textilkonzerns
und neue Vizepräsident José Alencar. Bedeutende Kreise haben auch
verstanden, dass die neoliberale Politik ihre eigenen wirtschaftlichen
Interessen schwer getroffen hat. Das Problem ist nun, dass zentrale
Positionen, die Lula und bedeutende Teile der PT heutzutage vertreten,
den Eliten keinen Schrecken mehr einjagen. Ihre Unsicherheit besteht
allerdings darin, ob diese Kräfte in der PT dem Erwartungsdruck
aus Bevölkerung und einer weiteren Politisierung nach links werden
standhalten können.
Ein anderer Teil der PT übt Widerstand gegenüber diese „sozialdemokratische“
Richtung, die sich in der PT seit der Niederlage von 1989 allmählich
durchsetzte. Sozialistische Strömungen, die besonders im Süden Brasiliens,
in Rio Grande do Sul, stark sind, kritisieren sowohl die Bündnisse
mit Liberalen, als auch das Abrücken der PT von der Revolutionsperspektive.
Obwohl diese linkssozialistischen Strömungen nicht die Mehrheit
in der PT haben, sind sie kohärent mit der Geschichte der Partei,
den Kongressentschliessungen und haben starken Einfluss auf das
Programm der PT. Für sie sind die Wahlen nur ein Mittel des Machtkampfs
und sie treten dafür ein, die politische Hegemonie durch Klassenkampf
innerhalb der Gesellschaft aufzubauen. Mit Rücksicht auf die eigenen
Erfahrungen der PT beweisen sie, dass eine linke Regierung überhaupt
kein Machtinstrument ist, wenn sie nicht die Bevölkerung mobilisiert
und dadurch legitimiert ist, Veränderungen zum Vorteil der Mehrheit
durchzusetzen. Wahlerfolge der PT, die nicht als Folge einer sozialen
Bewegung erreicht wurden, blieben isoliert und sie übernahmen nichts
anderes als die Rolle von Verwaltern eines krisenhaften Kapitalismus,
- mit dem öffentlichen Vorteil für die Gesellschaft, ohne Korruption
regiert zu haben.
Es wird mit Sicherheit zu schweren Konflikten innerhalb der PT führen,
wenn die "Anpassungspositionen", die Lula während des
Wahlkampfes vertreten hat, tatsächlich umgesetzt werden. Andererseits
ist auch zu beachten, dass die PT eigentlich mit dem Wahlerfolg
nicht an die "Macht" gekommen ist, sondern zunächst nur
an die Regierung, die sehr komplex ist und nur einen Teil der Macht
bedeutet. Gegen diese Regierung werden sich die bürgerliche Parlamentsmehrheit,
große Teile der Rechtsprechung, die "wirtschaftliche Macht",
die mächtigen Medienkonzerne und im Zweifel das Militär einsetzen.
Auf alle diese Bereiche hat die PT wenig Einfluss und sie wird tagtäglich
Widerstand gegen alle Veränderungsversuche erfahren, die sich gegen
die Interessen der Eliten richten. Auch im Volk hat die PT noch
nicht die Mehrheit und die politische Hegemonie. Es waren durchschnittlich
immer "nur" 30%, die PT wählten und bereit waren, das
Originalprogramm der PT zu unterstützen. Zu kurzfristigen revolutionären
Veränderungen kann es unter diesen Bedingungen kaum kommen, selbst
wenn die PT es wollte. Die neoliberalen Regierungen haben die Interventionsfähigkeit
des Staates enorm reduziert und die Mobilisierungskraft der Volksorganisationen
hat in den 90er Jahren abgenommen. Bedeutende Fortschritte wie die
Landreform, die Umkehrung der Prioritäten, die Wiederverstaatlichung
wichtiger Unternehmen und ein Zahlungsstopp
bei den längst mehrfach zurückgezahlten Auslandschulden können
nur durch eine Mobilisierung des Volkes durchgesetzt werden.
Selbstverständlich werden soziale Bewegungen es bald besser haben mit einer
Regierung der PT. Aber ein Problem, das sich bereits aus den Erfahrungen
der Partei in Landesregierungen ergab, ist das Aufsaugen von Führungskräften
aus den sozialen Bewegungen, die nicht mehr an der Mobilisierung
teilnehmen, sondern sich um Stellen im Staatsapparat kümmern. Das
hat auch zur Demobilisierung innerhalb der Gesellschaft beigetragen,
weil viele dachten, es wäre nicht mehr nötig zu mobilisieren, wenn
die Führungskräfte der Bewegungen für die Regierung verantwortlich
wurden und die PT doch die Interessen dieser Bewegungen vertrat.
Auf der anderen Seite hat das Auswirkungen auf eine neue Art von
Opposition gegenüber der Regierung. Durch die Unzufriedenheit mit
der Regierungsbürokratie haben Teile der eigenen Arbeiterpartei
die Bevölkerung gegen die PT-Regierungen mobilisiert. Auch die rechten
Parteien haben Einfluss auf die Basis der Bewegungen gewonnen. Darin
zeigt sich die Widersprüchlichkeit, gleichzeitig Bewegung und Regierung
zu sein. Der Erfolg einer Regierung Lula hängt letztlich davon ab,
ob sich unter ihr die Volksmacht entwickeln kann, ob sie die Impulse
der gesellschaftlichen Bewegungen aufgreift, damit die Kräfteverhältnisse
weiter nach links verschieben kann, um ein "Brasilien für alle"
durchzusetzen, oder ob sie enttäuscht, gegensteuert, demoralisiert
und damit ihre eigene Niederlage vorbereitet.
Niederlage in Rio Grande do Sul
In Rio Grande do Sul, Hochburg der Parteilinken (mit weltweit beispielhaften
Formen erweiterter Demokratie, v.a. dem Beteiligungshaushalt) hat
die PT die Gouverneurswahlen verloren. Der Kandidat der bürgerlichen
PMDB, Germano Rigotto, konnte sich in der Stichwahl gegen Tarso
Genro von der PT in einem schwierigen Lagerwahlkampf mit 300.000
Vorsprung (etwa 52% gegen 47%) durchsetzen. 1998 hatte die PT mit
Olívio Dutra nach einem harten Wahlkampf sehr knapp gewonnen. Gestützt
auf eine nur brüchige Linkskoalition im Landesparlament gelang es
ihr dennoch, die beste Regierung in der Geschichte des Landes aufzustellen.
Bei der Kandidatenaufstellung durch ein Mitgliederreferendum im
März dieses Jahres konnte sich Tarso Genro, der dem gemäßigten Parteiflügel
zugerechnet wird, überraschend und knapp gegen Olívio Dutra durchsetzen.
Alarmierend: Selbst in der PT-Hochburg, der Landeshauptstadt Porto
Alegre, erzielte Tarso Genro nur einen Vorsprung von 0,4 % vor Rigotto.
Bei aller Freude über den Wahlsieg Lulas ist der Verlust der PT-Landesregierung
im brasilianischen Süden bitter. Es gibt eine Hoffnung weniger,
auch im Brasilien Lulas ein linkssozialistisches Gegengewicht zu
erhalten, obwohl die Landtagsfraktion der PT deutlich gestärkt und
„nach links“ ausgebaut werden konnte. Das jetzige Ergebnis in Rio
Grande do Sul zeigt, daß es nicht genügt, gut zu regieren. Höheres
und dauerhaftes politisches Bewusstsein hängt auch von anderen Faktoren
ab. Wahlergebnisse sind offenbar auch nicht die besten Parameter
zur Bewertung der politischen Leistung einer Partei. Der Stellenwert
von Regierungserfahrungen und Wahlkämpfen als Mittel des Aufbaus
politischer Hegemonie muss auch in der PT erneut überprüft werden,
gerade jetzt, wo sie ihre nominell größten Erfolge in Brasilien
erzielte. A.A./H.D.
ANTONIO
INÁCIO ANDRIOLI
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